
Auch Menschen, die anderen wehgetan haben, haben Nächte, in denen sie nicht schlafen können.
Der Regen fiel seit drei Tagen, und Marlon Petersen hatte seit drei Tagen kein vollständiges Gespräch geführt.
Er saß auf der Fensterbank seines Zimmers, die Knie angezogen, den Kopf an die kalte Scheibe gelehnt, und sah zu, wie die Tropfen von oben nach unten liefen, sich vereinten, wieder trennten, verschwanden. Im Haus war es still. Unten im Wohnzimmer lief kein Fernseher. In der Küche klapperte kein Geschirr. Es war die Art von Stille, die man hört, wenn Menschen absichtlich leise sind.
Es war der fünfte November. Zwölf Tage nach der Sturmnacht. Elf Tage nach dem Abend, an dem er es seinen Eltern gesagt hatte.
* * *
Er hatte es nicht geplant.
Das war das Seltsame. Er hatte sich nicht hingesetzt, sich Sätze zurechtgelegt, den richtigen Zeitpunkt gewählt. Er war einfach nach Hause gekommen, in dieser Nacht, nass bis auf die Knochen, mit dem Geschmack von Sekt im Mund und dem Bild von Finns Gesicht im Kopf, wie er an ihm vorbeigegangen war, ohne ihn anzusehen.
Seine Eltern hatten im Wohnzimmer gesessen. Sein Vater mit einem Glas Rotwein, seine Mutter mit einem Buch. Sie hatten gefragt, wie das Fest gewesen sei.
Und er hatte gesagt: „Ich habe jemanden verletzt.“
Sie hatten ihn angeschaut.
„Letztes Jahr“, hatte er fortgefahren. „Einen Jungen. Ich war mit ihm zusammen. Und dann hab ich ein Foto von uns verschickt, weil ich Angst hatte, dass jemand es herausfindet.“
Es war still geworden. Sehr still.
„Marlon“, hatte seine Mutter gesagt, vorsichtig, „was meinst du mit ‚mit ihm zusammen‘?“
Und er hatte es gesagt. Nicht schön. Nicht mutig. Mit zitternder Stimme und tränennassem Gesicht, mitten im Wohnzimmer, vor einem Bücherregal voller Klassiker, die niemand las.
Sein Vater hatte das Weinglas abgestellt. Er hatte es sehr vorsichtig abgestellt, als könne es zerspringen. Dann hatte er gesagt: „Ich brauche einen Moment.“ Und war hinausgegangen.
Seine Mutter war sitzengeblieben. Sie hatte ihn angesehen, mit großen, feuchten Augen, und kein Wort gesagt. Dann hatte sie das Buch geschlossen und war ebenfalls gegangen.
Seitdem redeten sie mit ihm. Aber nur über Alltägliches. Hast du Hunger? Ist die Heizung an? Hast du für die Matheklausur gelernt? Höflich. Distanziert. Wie Menschen, die sich in einem Raum bewegen, in dem etwas Zerbrechliches steht.
* * *
Er hörte ein Geräusch im Flur.
Schritte. Zögernde. Dann ein leises Klopfen.
„Marlon?“
Die Stimme seiner Mutter.
„Ja.“
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Seine Mutter stand dort, in einer grauen Strickjacke, mit einem Teller in der Hand. Darauf lagen zwei Scheiben Brot mit Käse und ein Apfel, in Spalten geschnitten, wie früher, als er klein war.
„Du hast das Abendessen verpasst“, sagte sie.
„Ich hatte keinen Hunger.“
„Das habe ich mir gedacht.“
Sie trat ein, stellte den Teller auf den Schreibtisch und blieb unschlüssig stehen. Sie war eine kleine Frau mit kurzen, grauen Haaren und freundlichen Falten um die Augen. Sie sah aus, als habe sie in den letzten Tagen nicht viel geschlafen.
„Darf ich mich setzen?“
„Ja.“
Sie setzte sich auf die Bettkante. Sie legte die Hände in den Schoß. Draußen trommelte der Regen gegen das Fensterbrett.
„Dein Vater und ich haben viel geredet“, sagte sie.
Marlon sagte nichts.
„Wir sind nicht gut darin. Das weißt du. Wir sind Menschen, die über Bücher sprechen, nicht über Gefühle.“ Sie lächelte schief. „Ich glaube, wir haben es dir nie beigebracht, wie man über so etwas redet.“
„Ihr müsst nicht …“
„Doch. Müssen wir.“ Sie atmete tief ein. „Ich möchte dir etwas sagen. Und ich möchte, dass du mir zuhörst, auch wenn es nicht schön ist.“
„Okay.“
„Ich bin erschrocken.“
Er senkte den Kopf.
„Nicht über dich. Über mich.“ Ihre Stimme zitterte. „Ich bin erschrocken, weil ich gemerkt habe, dass ich es hätte wissen müssen. Dass du all die Jahre allein damit warst. Dass ich nicht gesehen habe, wie du dich zurückgezogen hast. Dass du mir einmal erzählt hast, du würdest mit einem Mädchen aus der Theater-AG gehen, und ich dir geglaubt habe, weil ich es glauben wollte.“
„Mama …“
„Und ich bin traurig, dass du Angst hattest. So große Angst, dass du einem anderen Menschen wehgetan hast, um dich selbst zu schützen.“
Marlon kämpfte gegen die Tränen. Er verlor.
„Das war schlimm“, sagte seine Mutter. „Was du getan hast. Das war wirklich schlimm. Und du musst es wiedergutmachen, so gut du kannst. Aber es ist nicht das Ende von dir.“
„Doch“, flüsterte er. „Ich bin ein Monster.“
„Du bist ein Junge, der Angst hatte.“
„Das ist dasselbe.“
„Nein.“ Sie rückte näher und legte ihm die Hand aufs Knie. „Ein Monster hat keine Reue. Du hast Reue. Seit Wochen. Ich habe dich gesehen, wie du nachts in die Küche gehst und nicht trinkst. Wie du auf dein Handy starrst und nichts schreibst. Ein Monster macht das nicht.“
Er schluchzte. Sie zog ihn an sich, und er ließ sich fallen, in die Strickjacke, in den Geruch von Waschmittel und Lavendel, den er seit seiner Kindheit kannte.
„Ich liebe dich“, sagte sie in sein Haar. „Das hat sich nicht geändert. Das ändert sich nicht. Es dauert nur ein bisschen, bis alle anderen Gefühle damit Schritt halten.“
„Und Papa?“
„Dein Vater braucht länger.“
„Wird er …“
„Ich weiß es nicht.“ Sie wiegte ihn leicht hin und her. „Aber ich weiß, dass er gestern Abend in deinem Zimmer stand, als du geschlafen hast. Er hat dich eine halbe Stunde lang angesehen. Er hat nichts gesagt. Und als er rausging, hat er die Tür ganz leise zugemacht.“
Marlon schloss die Augen.
* * *
Später, als seine Mutter gegangen war, lag er im Bett und starrte an die Decke.
Das Handy lag neben ihm. Er hatte es lange nicht angerührt. Jetzt nahm er es in die Hand, ohne zu wissen, warum, und öffnete eine App, die er seit Monaten nicht mehr benutzt hatte.
Auf dem Bildschirm erschien eine Seite. Weiße Fläche, sorgfältig gezeichnete Linien, ein Turm im Nebel.
Er hatte den Comic im Frühjahr gefunden. Zufällig. Ein Freund hatte einen Link geschickt, mit der Bemerkung: Gut, wirst es mögen. Er hatte angefangen zu lesen, ohne zu ahnen, wer dahintersteckte. Aber irgendwann, bei Seite zwölf, hatte er die Handschrift erkannt. Eine bestimmte Art, ein E zu schreiben. Eine Linie, die oben leicht nach rechts auslief.
Er hatte das Handy sofort weggelegt. Er war aufgesprungen, ins Bad gelaufen und hatte sich übergeben.
Dann, Wochen später, war er zurückgekommen. Und hatte gelesen. Jede Seite. Immer wieder.
Es war das Schlimmste und das Schönste, was er je getan hatte: zuzuschauen, wie ein Mensch, dem er das Herz gebrochen hatte, daraus eine Geschichte machte. Eine Geschichte, die nicht von Rache erzählte, nicht von Wut, sondern von Briefen, Licht und der Hoffnung, dass irgendwo jemand antwortet.
Er scrollte zur letzten Seite. Seite vierunddreißig. Anselm, am Fenster, die Hand an der Scheibe. Auf dem Tisch ein ungeöffneter Brief.
Er las die Zeile darunter.
Manche Briefe kommen an, aber man traut sich nicht, sie zu lesen.
Marlon legte die Hand auf den Mund.
Er dachte an die Nachricht, die er nie geschrieben hatte. An all die Entschuldigungen, die er im Kopf formuliert und nie ausgesprochen hatte. An das Bild von Finn auf dem Dachboden, wie er mit zitternder Stimme gesagt hatte: Du hast mir gesagt, ich sei dein … und nicht weiterreden konnte.
Er öffnete das Kommentarfeld. Der Cursor blinkte. Er tippte, löschte, tippte.
Dann schrieb er, unter einem Namen, den er sich in diesem Moment ausdachte, einen einzigen Satz.
regentag_m: Falls du irgendwo liest: Der Briefschreiber hat seinen Fehler verstanden. Er weiß, dass er nicht zurückdarf. Aber er wollte, dass du weißt, dass dein Licht auch bei ihm angekommen ist.
Er las ihn zweimal. Dann drückte er auf Senden, bevor die Angst es verhindern konnte.
Draußen fiel der Regen weiter. Aber irgendwo in diesem endlosen Grau, auf einem Bildschirm in einem anderen Zimmer, in einer anderen Straße, leuchtete eine Benachrichtigung auf.
Und Marlon, der nicht wusste, ob jemals eine Antwort kommen würde, drehte sich auf die Seite, zog die Decke bis zum Kinn und schlief zum ersten Mal seit Tagen ein.