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Zwischenspiel: Samira zwischen den Pfosten

Vignette

Es gibt Menschen, die glauben, ein Torwart stehe nur da und warte. Samira Yıldız wusste es besser: Ein Torwart steht da und sieht die Zukunft kommen.

Das Erste, was man als Torfrau lernte, war, Angst zu haben und trotzdem stehen zu bleiben.

Samira hatte es mit neun Jahren gelernt, auf einem Bolzplatz hinter der Werftsiedlung, als ihr älterer Cousin Kerem, ein Hüne von sechzehn, ihr zum ersten Mal einen Ball aus fünf Metern Entfernung gegen den Oberschenkel geschossen hatte. Es hatte wehgetan. Es hatte so sehr wehgetan, dass ihr die Tränen in die Augen schossen. Und Kerem hatte gesagt: „Willst du aufhören?“

Sie hatte den Kopf geschüttelt.

„Dann stell dich wieder hin.“

Sie hatte sich wieder hingestellt. Und sie hatte seitdem nie wieder aufgehört.

* * *

An einem Donnerstag Anfang Dezember stand sie auf dem Hallenboden der Theodor-Storm-Schule, allein, nach dem Training, und fing Bälle.

Die Halle war leer. Die Flutlichter an der Decke warfen ein hartes, weißes Licht, in dem jedes Staubkorn schwebte wie ein winziger Planet. Sie hatte die Maschine angestellt, den alten Ballwerfer, den ihr Vater irgendwo organisiert hatte und der bei jedem Schuss ein Geräusch machte wie ein hustender Roboter. Pffft. Klong. Der Ball flog. Sie warf sich nach links. Sie hielt.

Pffft. Klong. Rechts. Gehalten.

Pffft. Klong. Mitte. Gehalten.

Sie liebte dieses Gefühl. Dass es nichts anderes gab als den Ball, ihren Körper und den Bruchteil einer Sekunde, in dem alles entschieden wurde. Keine Fragen. Keine Gespräche. Kein „Wie geht es dir?“

Pffft. Klong. Sie flog durch die Luft, streckte sich, und der Ball klatschte in ihre Handschuhe.

„Gut“, murmelte sie.

Dann kam der nächste. Und der nächste. Und sie dachte, wie jedes Mal, an das, was sie nicht denken wollte.

* * *

Es war nicht so, dass Samira keine Probleme hatte.

Sie hatte nur gelernt, sie wegzuschieben, wie man einen Ball wegfaustet: schnell, entschlossen, ohne hinzusehen, wohin er flog.

Ihre Eltern waren gute Menschen. Sie waren hart arbeitende, stolze, gläubige Menschen, die in den Achtzigern nach Deutschland gekommen waren, um ein besseres Leben aufzubauen, und die sich seitdem jeden Tag fragten, ob sie es geschafft hatten. Ihr Vater arbeitete als Schweißer auf der Werft, ihre Mutter als Näherin in einer kleinen Änderungsschneiderei. Sie hatten drei Kinder großgezogen, und alle drei hatten das Abitur gemacht oder waren auf dem Weg dorthin. Samira war die Jüngste, die Wildeste, die mit dem Torwarttrikot und den zusammengebundenen Haaren, wie ihre Tante Ayşe gern bemerkte.

„Du hast so schöne Haare, Kind, warum bindest du sie immer zusammen?“

„Damit sie mir nicht ins Gesicht fliegen, wenn ich einen Ball halte, Tante.“

„Ein Mädchen sollte nicht Bälle halten.“

„Ein Mädchen sollte tun, was sie will.“

Das hatte sie gesagt, mit dreizehn, zu ihrer Tante, in der Küche, bei Tee und Baklava. Und ihre Mutter hatte vom Spülbecken aus nur leise gelächelt und nichts gesagt. Das war ihre Art, Ja zu sagen.

Aber da war noch etwas anderes.

Etwas, das sie niemandem erzählt hatte. Nicht Ben, nicht Lotte, nicht einmal sich selbst, nicht in klaren Worten. Etwas, das sie in der Nacht manchmal dachte, wenn sie wach lag und an die Decke starrte.

Warum bin ich immer die, die alles für andere regelt?

Sie war die Vertraute. Die Zuhörerin. Die, die Briefe abfing, bevor sie gelesen wurden. Die, die Geheimnisse hütete wie ein Tresor. Sie war so gut darin, dass niemand mehr fragte, ob sie selbst Geheimnisse hatte.

Pffft. Klong. Sie hielt.

Und sie fragte sich, ob jemand je in ihre Richtung schaute und sah, was sie selbst nicht sehen konnte.

* * *

„Du bist ziemlich gut.“

Sie fuhr herum. Der Ball der Maschine flog an ihr vorbei ins Netz.

Am Hallenrand, im Schatten der Tribüne, stand Lotte Brinkmann. Mit einer Kamera um den Hals, einem Kaffeebecher in der Hand und einem Ausdruck, den Samira noch nicht sortieren konnte.

„Du hast mich erschreckt.“

„Ich dachte, Torleute sind unerschrocken.“

„Das ist ein Gerücht.“

Lotte kam näher. Sie trug eine dicke, orangefarbene Strickjacke und Sneaker mit Löchern. Ihr Haar stand wie üblich in alle Richtungen. Sie sah aus wie jemand, der gerade aus einem Brainstorming kam und keine Zeit gehabt hatte, in den Spiegel zu sehen.

„Ich wollte ein paar Fotos machen“, sagte sie. „Für die Sportseite. Und ich dachte, vielleicht … wenn du Zeit hast … ein Interview.“

„Ein Interview.“

„Ein kurzes.“

„Mit mir.“

„Mit der besten Torfrau der Landesliga.“

„Ich bin nicht die beste.“

„Doch. Ich hab die Statistiken gelesen.“ Lotte lächelte. „Ich lese immer Statistiken. Das ist mein Hobby. Oder meine Krankheit. Beides.“

Samira zog die Handschuhe aus und lehnte sich an den Pfosten. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn.

„Okay“, sagte sie. „Eine Frage.“

„Nur eine?“

„Dann siehst du, ob ich gut genug bin.“

Lotte ließ sich so entspannt auf den Hallenboden sinken, als säße sie auf einer Wiese. Sie öffnete ein kleines Notizbuch.

„Was macht eine gute Torfrau aus?“

Samira dachte nach.

Sie dachte an Kerem und den Bolzplatz. An ihren Vater und die Werft. An das Gefühl, wenn man sich in die Luft wirft, ohne zu wissen, ob man gehalten wird.

„Dass sie weiß, wann sie bleiben muss“, sagte sie langsam. „Und wann sie springen muss.“

„Das ist gut.“

„Es ist auch das Schwierigste.“

„Warum?“

„Weil man es nie vorher weiß.“ Samira zuckte mit den Schultern. „Du stehst da und siehst den Schützen an. Du siehst seine Hüfte, seine Schulter, seinen Blick. Du versuchst zu lesen, was er vorhat. Aber am Ende ist es immer ein bisschen Raten. Und trotzdem musst du dich entscheiden, bevor der Ball kommt.“

„Wie bei Menschen.“

„Wie bei Menschen.“

Lotte schrieb mit, in einer schnellen, schiefen Handschrift. Samira beobachtete sie dabei. Die Art, wie sich ihre Zunge zwischen die Zähne schob, wenn sie konzentriert war. Die Art, wie sie eine Haarsträhne ständig hinters Ohr strich, die immer wieder zurückfiel.

Das ist unfair, dachte sie. Sie ist so konzentriert.

Sie wusste nicht, wo der Gedanke herkam. Er war einfach da, wie ein Ball, den man nicht hatte kommen sehen.

„Und was ist dein größter Fehler?“, fragte Lotte, ohne aufzusehen.

„Ich … bleib manchmal zu lange stehen.“

„Wie meinst du das?“

„Wenn jemand anderes den Ball braucht. Wenn ich merke, dass sie mich brauchen, und ich es nicht wage, den Platz zu verlassen.“

Lotte sah auf. Ihre Augen waren sehr grün, im harten Licht.

„Das klingt nicht nur nach Handball.“

Samira lachte. Es war ein überraschtes, kurzes Lachen, das ihr selbst fremd vorkam.

„Du bist ziemlich gut im Fragen“, sagte sie.

„Ich bin ziemlich gut im Zuhören.“

„Das ist selten.“

„Ich weiß.“ Lotte lächelte. „Deshalb hab ich mich mit dir angefreundet.“

„Haben wir uns angefreundet?“

„Seit dem Keks.“

„Ach so. Seit dem Keks.“

„Das war der entscheidende Moment.“

„Dann bin ich froh, dass ich ihn geklaut habe.“

„Du hast ihn nicht geklaut. Du hast ihn angenommen.“

„Das ist ein Unterschied?“

„Ein juristischer.“

Sie lachten beide. Und das Lachen klang in der leeren Halle wie das Anspielen eines Songs, den man schon einmal gehört hatte.

* * *

Später, als Lotte gegangen war, stand Samira noch eine halbe Stunde allein in der Halle.

Sie hatte den Ballwerfer ausgeschaltet. Sie hatte ihre Handschuhe an den Haken gehängt. Sie saß auf der untersten Bank der Tribüne, die Hände zwischen den Knien, und starrte auf das leere Spielfeld.

Seit dem Keks.

Sie lächelte. Dann erschrak sie ein wenig über das Lächeln. Und dann lachte sie leise über sich selbst.

Na gut, dachte sie. Wenn das so ist.

Es war kein dramatischer Moment. Es kam kein Donner, kein Blitz, kein Orchester. Es war nur ein stilles, behutsames Erkennen, wie wenn man nachts aufwacht und merkt, dass es schneit. Man hatte es nicht gesehen. Aber es lag schon eine ganze Weile auf allem.

Sie dachte an Ben, wie er auf seinem Bett gesessen hatte, mit zitternder Stimme: Ich weiß nicht, was ich bin. Und an ihre eigene Antwort. Du bist nicht kaputt. Du ziehst in dich selbst ein.

Sie hatte sich in diesem Moment ein bisschen wie eine Hochstaplerin gefühlt. Als sei sie diejenige, die nicht mal die Schlüssel für ihre eigene Tür hatte.

„Okay“, murmelte sie in die leere Halle. „Okay, Samira. Eins nach dem anderen.“

Sie stand auf, nahm ihre Tasche und ging zum Ausgang. Dort, an der Tür, blieb sie noch einmal stehen und blickte zurück auf die Halle, auf das Tor, auf den Streifen Licht auf dem Boden.

Wenn ich bereit bin, dachte sie, dann sag ich es. Nicht heute. Nicht morgen. Aber ich sag es.

Und mit diesem Gedanken, so leicht wie ein Stein, der in ruhiges Wasser fällt, trat sie hinaus in die kalte Dezemberluft, wo die ersten Schneeflocken im Laternenlicht tanzten.

Sie hielt das Gesicht in den Himmel und ließ sie auf ihre Wangen fallen.

Es war kalt.

Es war wunderschön.

* * *

Drei Wochen später, am Heiligabend, schickte sie Lotte eine Nachricht: Frohe Weihnachten. Und: Ich habe Kekse. Willst du welche?

Die Antwort kam in zwölf Sekunden.

Immer.