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Kapitel 11: Das Geheimnis

Illustration zu Kapitel 11

Der Weihnachtsmarkt von Warnholm war klein, schief und genau deshalb schön.

Er breitete sich jedes Jahr ab dem ersten Advent auf dem Hafenplatz aus, zwischen dem Fischmuseum und der alten Zollstation: fünfzehn Holzbuden mit rot-weiß gestreiften Dächern, ein Karussell für Kinder, ein Kutter, den man mit Lichterketten behängt hatte, und in der Mitte ein Tannenbaum, der jedes Jahr ein bisschen krummer war als im Jahr davor. Es roch nach Zimt, gebrannten Mandeln, Bratwurst und Glühwein. Und über allem, wie ein Versprechen, lag der Schnee, der in diesem Jahr wirklich liegen blieb.

Am Samstag vor Heiligabend stand Finn mit einem Becher heißer Schokolade vor dem Stand seines Vaters.

Jörg Albrecht verkaufte hier jedes Jahr Räucherfisch im Brötchen, aus einer Bude, die schon sein Vater gehabt hatte. Heute trug er eine rote Zipfelmütze, die Anke ihm aufgesetzt hatte, und eine Miene, die deutlich machte, dass er sie nur ihr zuliebe auf dem Kopf ließ.

„Zwei mit Zwiebeln“, sagte ein Kunde.

„Zwei mit Zwiebeln.“

„Und, äh, Sie sehen toll aus.“

„Danke.“

„Die Mütze meine ich.“

„Ich weiß.“

Finn presste die Lippen aufeinander, um nicht loszulachen.

„Hör auf zu grinsen“, murmelte sein Vater.

„Ich grinse nicht.“

„Du bist mein Sohn. Ich erkenne es an den Ohren.“

* * *

Er sah ihn erst, als er sich umdrehte, um seine Schokolade auszutrinken.

Marlon stand am anderen Ende des Platzes, vor der Bude mit den gebrannten Mandeln, die Hände in den Manteltaschen. Er trug keine Mütze. Die dunklen Haare waren nass vom Schnee, und er hatte, zum ersten Mal in all den Jahren, in denen Finn ihn kannte, keinen Gesichtsausdruck aufgesetzt. Er stand einfach da. Er sah aus wie jemand, der keine Ahnung hat, ob er bleiben oder gehen soll.

Ihre Blicke trafen sich.

Finn spürte, wie sich alles in ihm zusammenzog: der Magen, die Schultern, der Atem. Er hatte seit der Sturmnacht keinen Satz mit Marlon gewechselt. Er hatte nicht gewollt. Er hatte gedacht, er wolle nie wieder.

Und doch stellte er den Becher auf den Tresen, sagte zu seinem Vater „Bin gleich zurück“ und ging langsam über den knirschenden Schnee auf ihn zu.

„Hey“, sagte Marlon.

„Was willst du?“

„Nichts.“

„Marlon.“

„Wirklich nichts.“ Er zog die Schultern hoch. „Ich … ich hab dich gesehen. Und ich dachte, ich sollte vielleicht etwas sagen. Aber ich weiß nicht, was.“

„Das ist ein schlechter Anfang.“

„Ich weiß.“ Er lachte kurz, brüchig. „Es tut mir leid, Finn.“

„Das hast du schon mal gesagt.“

„Nein. Hab ich nicht. Ich hab gesagt, es sei ein Scherz gewesen. Und das war gelogen.“

Finn schwieg. Hinter ihnen drehte sich das Karussell, die Kinder lachten, aus einem Lautsprecher dudelte Leise rieselt der Schnee.

„Ich hab das Foto geschickt“, sagte Marlon, „weil ich Angst hatte.“

„Wovor?“

„Dass jemand es herausfindet. Dass man’s an mir sieht.“ Er schluckte. „Ich bin … ich dachte, wenn ich es zuerst herumzeige, dann denkt keiner, es sei mein Geheimnis. Dann ist es nur ein Spaß. Dann ist es deins.“

Finn starrte ihn an.

„Du hast mich geopfert“, sagte er langsam.

„Ja.“

„Damit du sicher bist.“

„Ja.“

„Und jetzt?“

„Jetzt … bin ich es nicht mehr.“ Marlons Stimme wurde dünn. „Ich meine: Ich bin nicht sicher. Ich hab’s meinen Eltern gesagt, im Oktober. Es war schlimm. Sie reden nicht mehr richtig mit mir. Und ich dachte: Das ist das, was ich dir angetan hab. Nur ohne Foto.“

Es war still zwischen ihnen. Zwischen den Buden spielte jemand Akkordeon, zittrig und schief.

„Ich verlange nicht, dass du mir verzeihst“, sagte Marlon. „Ich wollte nur, dass du weißt, dass ich’s verstanden hab. Zu spät. Aber ich hab’s verstanden.“

Finn sah ihn lange an. In seiner Brust kämpften zwei Dinge miteinander, ein altes, heißes und ein neues, stilles. Der Junge vor ihm war nicht das Monster, das er jahrelang in seinen Albträumen gezeichnet hatte. Er war nur … ein Mensch. Ein feiger, trauriger, siebzehnjähriger Mensch, der etwas Unverzeihliches getan hatte und nicht wusste, was er jetzt damit anfangen sollte.

„Ich muss dir nicht verzeihen“, sagte er schließlich.

„Nein.“

„Ich muss auch nicht wütend bleiben.“

„Nein.“

„Aber ich kann dir sagen, dass das, was du gerade gemacht hast, mutig war.“

Marlon hob erstaunt den Kopf.

„Echt?“

„Echt. Und ich hoffe, dass es besser wird. Mit deinen Eltern.“

„Danke.“

„Das heißt nicht, dass wir Freunde sind.“

„Ich weiß.“

„Das heißt nur, dass ich dich nicht mehr hasse.“

Marlon nickte. Seine Lippen zitterten, und er presste sie schnell zusammen. Dann sagte er, sehr leise: „Und Ben?“

„Was ist mit ihm?“

„Er ist gut. Ich hab’s gesehen, auf dem Dachboden. Er hat dich angesehen, als wärst du … ich weiß nicht. Etwas Wichtiges.“ Er lächelte schief. „Lass ihn nicht gehen, weil ich ein Idiot war.“

Finn antwortete nicht. Aber als Marlon sich abwandte und im Gedränge verschwand, spürte er, wie sich in seiner Brust etwas löste, eine Schnur, die ihn seit dem Februar gefesselt hatte.

Er stand eine Weile im Schnee, atmete, sah die Atemwolke vor seinem Gesicht aufsteigen und sich auflösen.

Ein Ding weniger, dachte er.

* * *

Heiligabend bei den Albrechts war ein Fest der kleinen Rituale.

Um vier gab es Kaffee und Stollen. Um fünf ging Anke zum Gottesdienst, Pia im Schlepptau, und Jörg und Finn deckten den Tisch. Um sechs gab es Kartoffelsalat mit Würstchen, wie jedes Jahr, weil Anke fand, Weihnachten sei kein Tag für Experimente. Um halb acht saßen sie im Wohnzimmer vor dem Baum, auf dem Jörgs Mutter schon die Lichterkette mit den Plastikkerzen befestigt hatte, und packten Geschenke aus.

Pia bekam Krimis. Sehr viele Krimis. Und ein Notizbuch mit Schloss, auf dem in goldenen Buchstaben stand: Detektiv-Tagebuch – streng geheim. Sie fiel ihrem Vater um den Hals und rief, dies sei das beste Weihnachten ihres Lebens.

Anke bekam von Jörg ein Paar Handschuhe aus Wolle, die er heimlich in der Wolle-Ecke des Kaufhauses ausgesucht hatte. Sie lachte und weinte gleichzeitig.

Jörg bekam von Anke einen neuen Messerblock für die Räucherei. Er sagte „Hm“ und strich bewundernd mit dem Daumen über die Griffe.

Und Finn bekam, als letztes, ein flaches Paket von seinen Eltern, das in blaues Papier gewickelt war.

Er riss es vorsichtig auf. Darin lag ein Skizzenbuch. Aber nicht irgendeins. Es hatte einen festen Ledereinband, dunkelblau, mit einer eingeprägten Silhouette auf dem Deckel: ein schmaler Turm, ein Lichtkegel.

Er sah auf.

Seine Mutter lächelte. Sein Vater schaute mit großem Interesse auf den Weihnachtsbaum.

„Wir wissen es“, sagte Anke leise.

„Ihr wisst …“

„Seit dem Sommer.“

„Pia?“

„Pia hat nichts gesagt“, sagte Jörg gegenüber seinen Schuhen. „Ich hab dein Tablet gesehen.“

„Ich hab nicht … ich wollte nicht …“

„Finn.“ Anke setzte sich zu ihm auf die Sofalehne und legte ihm den Arm um die Schultern. „Wir sind stolz auf dich. Auf dich und auf das, was du gemacht hast. Es ist wunderbar. Wir wollten warten, bis du es uns erzählst. Aber wir wollten, dass du weißt, dass es Platz hat.“

„Platz?“

„Hier. Bei uns. Mit deinen Zeichnungen und mit allem anderen.“

Finn spürte, wie ihm die Tränen kamen. Er presste das Buch an die Brust.

„Danke“, flüsterte er. „Ich … danke.“

„Du bist unser Sohn“, sagte Jörg gegen den Weihnachtsbaum. Seine Stimme war heiser. „Und der Fisch schmeckt nicht schlechter, wenn du dabei zeichnest.“

Es war der längste Satz, den Finn je von seinem Vater im Wohnzimmer gehört hatte.

* * *

Zwei Tage später, am zweiten Weihnachtsfeiertag, klingelte es.

Finn lag auf dem Teppich im Flur und spielte mit Pia ein Kartenspiel, das sie Mordsmäßig genannt hatte und dessen Regeln sich während des Spiels änderten. Er sprang auf, bevor sie reagieren konnte, öffnete die Tür.

Auf der Fußmatte stand Ben.

Er trug eine dicke Daunenjacke, eine graue Strickmütze und Schnee auf den Schultern. In der einen Hand hielt er eine Papiertüte, in der anderen ein kleines, flaches Päckchen. Seine Nase war rot vor Kälte, und seine Augen glänzten.

„Frohe Weihnachten“, sagte er.

„Frohe … Weihnachten.“

„Ich störe.“

„Nein.“

„Doch.“

„Nein. Komm rein.“

Ben trat in den warmen Flur und stampfte den Schnee von den Stiefeln. Pia, die bäuchlings auf dem Teppich lag, hob den Kopf und sagte feierlich: „Der Verdächtige ist eingetroffen.“

„Pia!“

„Ich sag’s nur laut für das Protokoll.“

Ben lachte. „Hallo, Detektivin.“

„Hallo, Ben.“

„Ich hab dir was mitgebracht.“ Er reichte ihr die Papiertüte. Darin lag ein Krimi in einer Ausgabe, die Finn noch nie gesehen hatte: ein altes, gebundenes Exemplar mit vergilbten Seiten. „Mein Opa hat es mir geschenkt, als ich zehn war. Ich hab’s nie gelesen. Ich dachte, jemand, der was damit anfangen kann, sollte es haben.“

Pia starrte das Buch an. Dann starrte sie Ben an. Dann sagte sie sehr leise: „Das ist eine Erstausgabe.“

„Ist es?“

„Das ist … Ben. Das ist ein Schatz.“

„Dann ist es bei dir gut aufgehoben.“

Pia sprang auf und umarmte ihn so heftig, dass er einen Schritt zurücktaumelte. Dann rannte sie mit dem Buch an die Brust gedrückt die Treppe hinauf und schrie unterwegs: „MAMA! MAMA! ICH HABE EINE ERSTAUSGABE!“

Ben stand grinsend im Flur.

„Das war nicht schwer“, sagte er.

„Du hast gerade ihr Herz gewonnen.“

„Das hatte ich schon.“

„Stimmt.“ Finn lächelte. „Was ist in dem Päckchen?“

Ben wurde plötzlich verlegen. Er hielt es einen Moment unschlüssig in beiden Händen, dann reichte er es hin.

„Das ist für dich. Es ist … nichts Besonderes. Es ist klein. Aber ich hab lang gesucht.“

Finn nahm das Päckchen. Es war in einfaches braunes Papier gewickelt, mit einer Schnur zusammengebunden. Er zog an der Schleife, faltete das Papier auseinander.

Darin lag ein Etui aus dunklem Holz. Er klappte es auf.

Zwölf Bleistifte, in einer Reihe, fein gespitzt. Weiche, mittlere, harte. Von 8B bis 2H. Auf jedem war mit feinen goldenen Buchstaben ein Wort eingeprägt: Anselm.

Finn hörte auf zu atmen.

Er sah auf. Ben beobachtete ihn, unsicher, mit hochgezogenen Schultern.

„Ich hab sie in einem Laden in Lübeck gefunden“, sagte er. „Der Mann hat sie speziell angefertigt. Ich hab ihm gesagt, ich suche etwas für einen Freund, der zeichnet. Und dann …“ Er stockte. „Dann hab ich gedacht: Anselm. Weil … ich weiß nicht. Weil ich an den Comic gedacht hab. Und an dich. Das ist völlig verrückt, ich weiß, das passt nicht zusammen, aber …“

„Ben.“

„… der Name hat einfach so schön geklungen, und ich dachte …“

„Ben.“

Er verstummte.

Finn stand mit dem offenen Etui in der Hand und wusste nicht, wohin mit sich. Die Bleistifte schimmerten im Flurlicht. Das Gold der Buchstaben funkelte.

Anselm.

Er hatte es ihm aus Versehen gesagt, dachte er. Er weiß es nicht. Er schenkt dem Zeichner, ohne es zu wissen, ein Geschenk. Und er schenkt es mir, ohne zu wissen, dass ich er bin.

Er hätte jetzt alles sagen können. Alles auf einmal. Er hätte die Tür zumachen und mit ihm in den Schnee hinausgehen und rufen können: Ich bin es. Ich bin der, dem du schreibst. Ich bin der, der Anselm gezeichnet hat.

Aber er sagte nur: „Danke.“

„Gefällt es dir?“

„Es ist das Schönste, was ich je bekommen habe.“

Ben atmete aus, und seine Schultern sackten erleichtert nach unten. „Echt?“

„Echt.“

„Gott sei Dank.“

Finn schloss das Etui vorsichtig und drückte es an die Brust. Dann sagte er, bevor ihn der Mut verlassen konnte:

„Ben. Hast du am dritten Januar Zeit?“

„Am dritten? Das ist …“ Ben dachte nach. „Ein Samstag. Ja. Warum?“

„Ich möchte dir etwas zeigen.“

„Was denn?“

„Es ist ein Ort.“ Finn atmete. „Ein alter Leuchtturm. Oben bei Kap Rotenhorn, hinter dem Naturschutzgebiet. Man kommt nur zu Fuß hin. Es sind zwei Stunden Weg. Es ist kalt. Und es könnte sein, dass ich dir dort etwas sage, das du nicht erwartest.“

Ben sah ihn an. Er stand ganz still.

„Etwas Gutes oder etwas Schlechtes?“, fragte er.

„Ich weiß es nicht“, sagte Finn ehrlich. „Ich hoffe, etwas Gutes.“

„Okay.“

„Okay?“

„Ja. Ich komme.“

„Du musst nicht …“

„Finn.“ Bens Stimme war leise und sicher. „Ich komme.“

Sie standen einen Moment lang im Flur, und das Licht von der Lampe fiel in einem warmen Kegel auf ihre Gesichter. Irgendwo oben polterten Schritte; Pia schrie noch immer etwas über Erstausgaben.

Dann sagte Ben, fast flüsternd: „Weißt du, dass du mich gerade ziemlich nervös machst?“

„Du mich auch.“

„Gut.“ Er lächelte, ein schiefes, offenes Lächeln. „Dann sind wir quitt.“

* * *

In der Nacht vor dem dritten Januar schlief Finn kaum.

Er lag auf dem Rücken, die Hände auf der Brust, und sah zu, wie die Leuchtsterne über ihm langsam an Glanz verloren. Auf dem Nachttisch lag das Holzetui. Daneben das neue Skizzenbuch mit dem Turm auf dem Deckel.

Er hatte die ganze Woche nachgedacht. Über das, was er sagen würde. Über die Reihenfolge der Worte. Er hatte Sätze geübt, vor dem Spiegel, im Bad, leise. Ich bin der Zeichner. Ich habe dir geantwortet. Ich habe alles gewusst.

Keiner klang richtig.

Gegen drei stand er auf, setzte sich an den Schreibtisch und zeichnete etwas, das er noch nie gezeichnet hatte. Kein Panel. Keine Seite. Nur ein einziges Bild.

Zwei Jungen vor einem Leuchtturm. Der eine klein, dunkelhaarig, mit einem Skizzenbuch in der Hand. Der andere groß, die Mütze schief auf dem Kopf, die Hand ausgestreckt.

Zwischen ihnen: ein Meer aus Schnee.

Darunter schrieb er mit dem Bleistift, den Ben ihm geschenkt hatte, eine einzige Zeile.

Manchmal ist die Antwort schon da, bevor man die Frage stellt.

Dann legte er das Bild in die Mappe, die er morgen mitnehmen würde, und schloss die Augen.

Draußen fiel der Schnee. Und weit draußen auf dem Wasser, jenseits der Mole, blinkte ein einzelnes Licht in die Nacht.