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Zwischenspiel: Lotte und die Sturmflut

Vignette

Die Schulzeitung der Theodor-Storm-Schule hieß „Die Sturmflut“, und ihre Chefredakteurin hatte beschlossen, dass diese Woche etwas Großes passieren würde.

Die Redaktion der Sturmflut war ein Raum von der Größe eines Besenschranks, und Lotte Brinkmann liebte ihn mit der Inbrunst, mit der andere Menschen Kathedralen lieben.

Er lag unter der Haupttreppe im Erdgeschoss, hinter einer Tür, an der ein handgeschriebenes Schild hing: Nur für Presse. Und für Leute mit Keksen. Drinnen standen zwei Schreibtische, ein Kopierer, der klang wie ein asthmatischer Walross, ein Regal voller alter Ausgaben seit 1987 und eine Pinnwand, an der Lotte mit roten Fäden die Themen der nächsten Woche verband. Es roch nach Kaffee, Toner und dem sehr leisen, sehr dauerhaften Geruch von Ehrgeiz.

An diesem Dienstagnachmittag Anfang Oktober saß sie allein an ihrem Schreibtisch und tippte.

Sturmnacht: Wie ein Plakat die Schule verändert. Das war die Überschrift. Sie gefiel ihr nicht. Sie löschte sie. Sie tippte: Zwei Handschriften, ein Leuchtturm. Das gefiel ihr besser, aber es verriet zu viel. Es war nicht ihre Aufgabe, zu verraten. Es war ihre Aufgabe, zu beobachten.

Sie lehnte sich zurück und starrte an die Decke.

Das Problem war: Sie sollte nicht über Finn schreiben. Das hatte sie sich selbst versprochen, schon im ersten Jahr der Freundschaft. Finn war kein Thema, Finn war kein Stoff, Finn war ein Mensch, der Schutz brauchte und keine Schlagzeile. Aber die Sturmnacht war ein Schulereignis. Das Plakat war ein Schulplakat. Und sie war die Chefredakteurin.

„Und ich bin eine Idiotin“, sagte sie laut.

Der Kopierer stöhnte zustimmend.

* * *

Lottes Mutter, Dr. Heike Brinkmann, war Oberärztin in der Kardiologie des Warnholmer Krankenhauses und hatte feste Vorstellungen von dem, was ihre Tochter aus ihrem Leben machen sollte. Lotte sollte Abitur machen, mit einer Eins vor dem Komma. Lotte sollte Medizin studieren. Lotte sollte in dreißig Jahren in einem Büro sitzen, das nach Desinfektionsmittel roch, und sich über ihre Fortbildungspunkte freuen.

Es war nicht so, dass Heike Brinkmann sie nicht liebte. Sie liebte sie auf ihre Art: mit Terminkalendern, Vitamintabletten und vorsichtigen Fragen nach Mathenoten. Aber an jedem Abend, an dem Lotte nach Hause kam, nach Kopierer und Toner und Gesprächen mit Menschen, die ihr wichtiger waren als jeder Notendurchschnitt, spürte sie das leise Ziehen im Magen, das sie seit Jahren begleitete.

Du bist nicht genug, wenn du das tust. Du bist nicht genug, wenn du es nicht tust.

Es war eine seltsame Art von Einsamkeit, wenn man die loyalste Person der Welt war und trotzdem manchmal dachte, dass einen niemand so beschützte, wie man selbst es tat.

Sie schob den Gedanken beiseite, wie sie es immer tat, und tippte weiter.

* * *

Um halb fünf klopfte es.

„Besetzt!“, rief Lotte.

Die Tür öffnete sich trotzdem. In der Öffnung stand Samira Yıldız, in Torwarthose, mit einer Sporttasche über der Schulter und einem Kaugummi im Mund.

„Hast du Kekse?“, fragte sie.

„Das Schild sagt: Presse und Kekse.“

„Das Schild sagt: Presse und Leute mit Keksen.“

„Dann hast du nicht gelesen. Es heißt: Wer Kekse hat, darf rein. Du hast keine.“

„Ich bin Sportreporterin.“

„Seit wann?“

„Seit jetzt.“ Samira kam herein, ließ die Tasche auf den Boden fallen, nahm sich ungefragt einen Keks aus der Dose auf dem Regal und setzte sich auf den zweiten Schreibtisch, die Beine baumelnd. „Ich hab eine Frage.“

„Ich habe eine Allergie gegen Fragen von Torfrauen.“

„Das ist keine Allergie. Das ist Respekt.“

Lotte konnte nicht verhindern, dass sie lächelte. Sie schob den Laptop beiseite und drehte sich zu ihr. „Okay. Schieß los.“

„Wie gut kennst du Finn?“

Lottes Lächeln erlosch. Sie sah Samira an, lange und forschend, und sagte dann langsam: „Warum fragst du?“

„Weil Ben ihn mag.“

„Ich weiß.“

„Und weil Ben ihn nicht verletzen will.“

„Ich weiß.“

„Und weil ich dachte, vielleicht sollten wir beide ein Auge darauf haben, dass es nicht schiefgeht.“

Lotte schwieg. Sie kannte dieses Gefühl, dieses plötzliche Gewicht im Brustkorb, wenn man begriff, dass man nicht allein war in dem, was man für wichtig hielt. Es war ein seltsames Gefühl, halb Erleichterung, halb Misstrauen. Sie hatte so lange allein über Finn gewacht, dass sie vergessen hatte, wie es war, die Wache zu teilen.

„Weißt du, was im Februar passiert ist?“, fragte sie.

„Ein bisschen.“

„Ein bisschen reicht nicht.“

„Dann erzähl’s mir.“

Und Lotte erzählte. Sie erzählte von Marlon und dem Foto. Von den Wochen in der Umkleide. Von den Nächten, in denen Finn nicht ans Telefon ging, und den Tagen, an denen er es doch tat, mit einer Stimme, die so flach war, dass Lotte Angst bekam. Sie erzählte von dem Abend, an dem sie vor seiner Tür gesessen hatte, drei Stunden lang, bis seine Mutter mit Tee kam und sie beide hereinließ.

Als sie fertig war, war es still im Raum. Der Kopierer ratterte leise im Leerlauf.

„Okay“, sagte Samira schließlich.

„Okay?“

„Dann müssen wir aufpassen.“

„Ja.“

„Beide.“

„Ja.“

Samira nahm einen zweiten Keks. „Weißt du, was Ben mir gestern gesagt hat?“

„Was?“

„Dass er sich vor sich selbst fürchtet.“

„Wegen Finn?“

„Wegen des Gedankens, Finn wehzutun.“ Sie kaute nachdenklich. „Das ist ein ziemlich gutes Zeichen, finde ich. Wer sich davor fürchtet, jemandem wehzutun, tut es meistens seltener.“

„Meistens.“

„Meistens.“

Lotte lachte leise, trocken. „Du bist ziemlich klug, wenn du willst.“

„Ich bin Torfrau.“

„Das heißt?“

„Ich sehe Dinge kommen, bevor sie fliegen.“

* * *

Sie sprachen noch eine Stunde.

Es war einer dieser Nachmittage, von denen man hinterher nicht mehr wusste, wie sie angefangen hatten. Sie sprachen über die Schule, über Eltern, über das Gefühl, in einer Stadt aufzuwachsen, in der jeder jeden kannte und niemand sich traute, etwas zu sagen. Sie sprachen über Zeitungen und Tore, über Bücher, die sie gelesen hatten, und Filme, die sie hassten. Samira erzählte von ihrem Großvater, der aus der Türkei gekommen war, um auf der Werft zu arbeiten, und der behauptete, nichts in der Welt sei so zuverlässig wie ein gut gewartetes Boot und ein gut erzogenes Kind. Lotte erzählte von ihrer Mutter, ganz vorsichtig, nur ein paar Sätze, und Samira hörte zu, ohne zu unterbrechen, ohne Mitleid, nur mit diesem ruhigen, offenen Blick.

„Das klingt einsam“, sagte sie am Ende.

„Das ist es manchmal.“

„Du sagst es nie.“

„Ich sag’s gerade.“

„Das ist ein Anfang.“

Lotte sah auf ihre Hände. Sie fühlte sich plötzlich entblößt, und gleichzeitig seltsam leicht.

„Warum erzähl ich dir das eigentlich?“, murmelte sie.

„Weil ich nicht lache.“

„Das ist ein Argument.“

„Das ist Torwartlogik.“

Draußen wurde es langsam dunkel. Über den Flur hallte das Rollen eines Putzwagens. Samira rutschte vom Schreibtisch, schnappte sich ihre Tasche und blieb an der Tür stehen.

„Ich komm morgen wieder“, sagte sie.

„Mit Keksen?“

„Mit Keksen.“

„Die Wahl der Marke bleibt dir überlassen.“

„Ich hab Schokolade im Kopf.“

„Das ist die richtige Marke.“

Samira grinste, hob die Hand, und weg war sie. Die Tür fiel ins Schloss. Lotte blieb allein im Raum zurück, mit dem Rest der Kekse und einem Gefühl, das sie nicht benennen konnte.

Sie öffnete den Laptop. Sie starrte auf die Überschrift.

Zwei Handschriften, ein Leuchtturm.

Dann löschte sie den ganzen Artikel und schrieb einen neuen. Er hatte nur drei Zeilen. Er handelte von keinem Plakat und von keinem Jungen. Er handelte von einer Schule, in der jeder jeden beobachtete, und von der Möglichkeit, dass man einander einfach in Ruhe lassen konnte.

Wir sehen viel, schrieb sie. Wir sagen wenig. Vielleicht wäre es mal an der Zeit, es umgekehrt zu versuchen.

Sie speicherte die Datei, klappte den Laptop zu und lächelte in die Dämmerung.

Es war ein guter Tag für die Presse.