
Die Nachricht kam am Sonntagmorgen, während Finn auf dem Küchenboden saß und versuchte, Pia einen Zopf zu flechten.
„Aua.“
„Ich hab nur gezogen.“
„Du ziehst schief.“
„Ich ziehe gerade, es liegt an deinem Kopf.“
„Mein Kopf ist perfekt.“
„Ach ja?“, sagte Finn und band das Gummi um das Ende des Zopfes, der aussah wie ein Seemannsknoten nach einem Sturm. „Dann stimmt etwas mit der Physik nicht.“
Pia tastete mit beiden Händen nach dem Gebilde und seufzte so tief, als hätte man ihr gerade ein Todesurteil verlesen. „Ich lass mir lieber von Mama die Haare machen.“
„Dann tu das.“
„Mach ich.“
Sie stand auf, schlurfte hinaus und rief im Flur laut: „Maaaama! Finn kann nicht flechten!“, und Finn lehnte den Kopf gegen den Küchenschrank, atmete aus und griff nach seinem Handy, das neben ihm auf dem Boden lag.
Eine neue Benachrichtigung.
@halbzeit_17 hat einen Kommentar zu „Leuchtturm – Seite 32“ hinterlassen.
Er öffnete ihn. Er hatte nicht damit gerechnet, dass etwas Besonderes darin stehen würde. Er rechnete nie damit.
Ich war gestern auf einem Spielfeld und hab jemanden in der Menge gesucht. Und ich hab ihn gefunden. Ich glaube, ich bin ein bisschen verliebt, und ich hab keine Ahnung, was ich tun soll.
Finn starrte auf den Bildschirm.
Die Küche war voller Morgenlicht. Draußen im Hof schlug eine Tür. Aus der Räucherei drang das Scheppern eines Blechs. Alles war normal, und zugleich war irgendetwas an der Welt um zwei Millimeter verrutscht.
Spielfeld.
In der Menge.
Ihn.
Er las die Worte noch einmal, und etwas in seinem Brustkorb machte einen schweren, hohlen Schlag, wie ein Anker, der auf Grund geht.
Nein, dachte er. Das ist Zufall. Das ist ein Zufall. Halbzeit ist ein Wort für jeden, der irgendwann mal einen Ball gesehen hat.
Aber da war eine zweite Stimme in ihm, leise und hartnäckig. Eine Stimme, die das Hoffen nicht verlernt hatte. Sie sagte: Gestern ist eine Menschenmenge in der Halle gewesen. Und jemand hat jemanden gesucht. Und jemand hat jemanden gefunden.
Und eine dritte Stimme, die älteste, die vernünftigste, hielt dagegen: Und wenn nicht? Wenn er jemand anderes meint? Ein Mädchen vielleicht? Einen anderen Jungen? Du bist nur einer von dreihundert Leuten.
Er legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Boden.
Dann hob er es wieder auf.
Er schrieb: Das klingt, als wäre es wichtig. Wie fühlt es sich an?
Es dauerte drei Minuten, bis halbzeit_17 antwortete.
Wie Wasser, das ich nicht trinken kann, aber sehe. Und ich bin so durstig.
Finn musste das Handy an die Brust drücken, um sich zu beruhigen.
* * *
Auf der anderen Seite der Stadt stand Ben in der Küche seiner Eltern und versuchte, ein Frühstück zuzubereiten, was mit einem Arm in der Schlinge ungefähr so einfach war wie eine Fuge zu lösen, während man tanzte.
„Setz dich“, sagte seine Mutter.
„Ich kann das.“
„Du kannst es nicht. Du hast das Toastbrot gerade in die Spüle gelegt.“
„Das war Absicht.“
„Setz dich.“
Ewa Kowalski, klein, dunkelhaarig, in ihrem hellblauen Pflegekittel, mit einem Pferdeschwanz, der immer schon halb aufgegangen war, wenn sie aus dem Nachtdienst kam, schob ihren Sohn auf einen Stuhl und stellte ihm ein Glas Milch und zwei Spiegeleier hin. Sie war Krankenschwester im Warnholmer Krankenhaus, seit fünfundzwanzig Jahren. Es gab nichts an Verletzungen, Fieber oder Fassungslosigkeit, das sie nicht schon einmal gesehen hatte.
„Iss“, sagte sie.
Ben aß.
Marek Kowalski saß am anderen Ende des Tisches, hinter der Sonntagszeitung, die er jeden Morgen so hielt, dass man nur seinen Haaransatz sah. Er blätterte um. Er sagte nichts.
„Gestern war ein gutes Spiel“, sagte Ewa nach einer Weile.
„Wir haben gewonnen.“
„Du hast dich verletzt.“
„Das ist normal.“
„Ich weiß, dass das normal ist. Ich weiß auch, dass du in der letzten Stunde vor der Verletzung zweimal auf die Tribüne geschaut hast.“
Ben verschluckte sich beinahe an einem Stück Ei.
„Hast du nicht“, nuschelte er.
„Habe ich.“
„Da waren viele Leute.“
„Natürlich.“ Ewa lächelte nachsichtig und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn. „Ich sag ja nur, dass ich es gesehen habe.“
Hinter der Zeitung hustete Marek einmal knapp.
Ben spürte, wie ihm die Röte den Nacken hinaufstieg. Er hatte plötzlich das Gefühl, mit einem Scheinwerfer angestrahlt zu werden, in einem Raum, in dem er sich so unsichtbar wie möglich hatte machen wollen.
„Ich muss was für die Schule machen“, murmelte er, stand auf, ließ sein halb leeres Frühstück stehen und stolperte die Treppe hinauf.
Hinter ihm blieb eine Küche zurück, in der Ewa ihren Mann lange ansah.
„Marek.“
„Hm.“
„Du hast es auch gesehen.“
„Ich lese Zeitung.“
„Du hältst sie verkehrt herum.“
Marek senkte die Zeitung. Er schaute auf die Seite, dann auf seine Frau, dann zurück auf die Seite. Tatsächlich. Der Sportteil stand auf dem Kopf.
„Er ist unser Sohn“, sagte er schließlich.
„Ich weiß.“
„Er wird’s uns sagen, wenn er so weit ist.“
„Ich weiß.“
„Dann lassen wir ihn.“
Ewa legte ihm die Hand auf den Arm. Und Marek Kowalski, Handballtrainer, Werftarbeiter, ein Mann, der in zwanzig Jahren selten mehr als fünf Sätze am Stück gesprochen hatte, drehte die Zeitung herum und starrte lange auf die Schlagzeile, ohne ein Wort zu lesen.
* * *
Samira klopfte um halb drei an die Tür.
Sie trug eine Jogginghose, ein ausgeblichenes Torwart-Shirt und einen Rucksack voller Proviant, den sie auf Bens Schreibtisch kippte wie ein Ladenbesitzer die Tagesware.
„Ich hab Chips. Ich hab Gummibärchen. Ich hab drei Müsliriegel. Und ich hab eine Frage.“
„Ich auch.“
„Du fängst an.“
„Warum bringst du immer zu viel Essen mit?“
„Weil du ein Fass ohne Boden bist.“ Sie ließ sich auf sein Bett fallen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte an die Decke. „Okay. Meine Frage. Wie lange willst du es mir noch nicht sagen?“
„Was soll ich dir nicht sagen?“
„Ben.“
„Ich hab nichts.“
„Ben.“
„Es gibt nichts zu sagen.“
„Du hast gestern im Krankenhaus eine Nachricht an einen Fremden geschrieben, in der stand, dass du verliebt bist“, sagte Samira ruhig. „Das hab ich gesehen, weil du das Handy auf dem Stuhl liegen gelassen hast und ich Wasser holen wollte. Und ich habe es nicht gelesen. Nur den Anfang. Ich war gestern auf einem Spielfeld.“ Sie drehte den Kopf. „Aber ich habe zwei und zwei zusammengezählt.“
Ben erstarrte.
„Du hast was?“
„Ich hab nichts gelesen. Nur den Anfang.“
„Samira!“
„Ich musste wissen, ob du ein Handy-Süchtiger bist, oder ob es wichtig ist.“
„Das ist … das ist privat!“
„Dann schreib’s nächstes Mal nicht im Wartezimmer.“
Er ließ sich mit einem Ächzen auf den Schreibtischstuhl sinken und vergrub das Gesicht in der gesunden Hand. Unter seinen Fingern klopfte es heiß.
„Ich bin nicht …“, begann er.
„Du bist nicht was?“
„Ich weiß nicht, was ich bin.“
„Das ist okay.“
„Es ist nicht okay.“ Seine Stimme brach. „Samira, ich bin siebzehn. Ich bin Kapitän. Mein Vater ist Trainer. Meine Mutter … alle erwarten …“
„Was?“
„Ich weiß nicht! Dass ich eine Freundin habe? Dass ich mit Tobi in der Kabine über Mädchen rede? Dass ich irgendwie so bin, wie ich aussehe?“
„Du siehst aus wie ein ziemlich netter Typ.“
„Das reicht nicht.“
„Doch“, sagte Samira. „Reicht es.“
Sie setzte sich auf, rückte an die Bettkante und sah ihn an. Ihre dunklen Augen waren ernst. Es war keiner dieser Blicke, die um Geständnisse buhlen. Es war ein Blick, der wartete.
„Ich frag dich was, und du musst nicht antworten“, sagte sie. „Hast du dich schon mal so gefühlt? Vorher?“
Ben schloss die Augen.
Er dachte an die siebte Klasse, an einen Jungen namens Elias, mit dem er im Schulchor gesungen hatte. Er dachte an eine Nacht auf einer Klassenfahrt, in der er wachgelegen und gewusst hatte, dass jemand im Bett nebenan atmete, und dass dieses Wissen sich anfühlte wie ein warmes Gewicht auf der Brust. Er dachte an einen Sommer, in dem er sich vorgemacht hatte, es liege nur am Wetter.
„Ja“, sagte er.
„Okay.“
„Ich hab’s immer irgendwie … weggeschoben.“
„Verstehe.“
„Ich hab gedacht, wenn ich’s nicht anschaue, geht’s weg.“
„Und jetzt?“
„Jetzt sitzt es mitten in meinem Kopf und lacht mich aus.“
Samira lächelte. Es war ein sehr kleines, sehr zärtliches Lächeln. Sie legte ihm eine Hand auf das Knie, so leicht, dass er sie kaum spürte.
„Ben“, sagte sie. „Danke, dass du’s mir gesagt hast.“
„Ich hab doch gar nichts gesagt.“
„Doch. Hast du.“
Eine Weile saßen sie schweigend da. Im Garten schnitt jemand Hecken, das Surren der Schere drang durchs offene Fenster. Ein Windstoß ließ den Vorhang flattern.
„Wie heißt er?“, fragte Samira schließlich.
Ben hob den Kopf. In seinen Augen glänzte etwas, das er mit aller Kraft zurückhielt.
„Du weißt es doch längst.“
„Ich will es von dir hören.“
Er schluckte. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Es war ein seltsam physisches Gefühl, ein Name auf der Zunge, der noch nie laut gesagt worden war, wie ein Samenkorn, das man in den Mund genommen hat und nicht ausspucken kann.
„Finn“, sagte er.
Das Wort fiel in den Raum und hing dort. Nichts passierte. Kein Donner. Keine Sirenen. Die Hecke surrte weiter. Der Vorhang bewegte sich leicht im Wind.
Und doch war die Welt eine andere.
„Finn“, wiederholte Samira. „Okay. Guter Name.“
„Ich weiß nicht, ob er …“
„Ich weiß, dass er …“
„Samira.“
„Ich sag gar nichts.“ Sie hob beide Hände. „Aber ich werd dir etwas sagen, und das musst du dir merken. Ja?“
„Okay.“
„Du hast ein Recht auf Gefühle. Und er hat ein Recht, dass du ihn mit Respekt behandelst. Beides gleichzeitig. Verstanden?“
„Ja.“
„Und du hast gestern im Flur dabeigestanden, als Tobi ihn runtergemacht hat“, sagte Samira. „Du hast nichts gesagt.“
Ben wurde blass.
„Du hast das mitbekommen?“
„Ich hab alles mitbekommen.“
„Es tut mir leid.“
„Das sagst du nicht mir.“
„Ich hab’s ihm gesagt. Vor dem Fahrradständer.“
„Und?“
„Er hat gesagt, er hört zu.“
„Das ist ein Anfang“, sagte sie. „Aber Zuhören ist keine Vergebung. Du musst es zeigen.“
„Wie?“
„Indem du das nächste Mal was sagst.“
Ben nickte langsam. Seine Schultern sanken, nicht aus Resignation, sondern aus einer eigenartigen Erleichterung, die nach Erschöpfung schmeckte.
„Ich hab Angst“, sagte er.
„Ich weiß.“
„Ich hab Angst, dass es alles kaputt macht.“
„Was?“
„Alles. Das Team. Mein Vater. Die Schule. Mich.“
„Ben“, sagte Samira, und ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. „Du bist nicht kaputt. Du bist eingezogen. Du ziehst in dich selbst ein. Das dauert ein bisschen.“
Er lachte kurz, ein feuchtes, brüchiges Lachen.
„Das war ein ziemlich guter Satz.“
„Ich weiß. Ich schreib ihn mir auf.“
„Schreib mir einen Müsliriegel dazu.“
„Hab ich schon.“
Sie reichte ihm einen. Ben riss die Packung auf und kaute lange, mit gesenktem Kopf, während neben ihm die beste Freundin der Welt sich wieder aufs Bett legte und anfing, über Torwartstatistiken zu reden, als sei nichts geschehen.
Es war die schönste Art von Schweigen, die er kannte.
* * *
In derselben Nacht lag er wach.
Das Zimmer war dunkel, nur von der Straße her fiel ein schmaler Streifen Licht durch die Vorhänge. Er hörte das Ticken der alten Wanduhr, das ferne Rauschen der Autos auf der Umgehungsstraße. Irgendwo bellte ein Hund.
Finn.
Er sagte den Namen lautlos, nur mit den Lippen. Dann noch einmal. Und noch einmal. Der Klang war weich und geradlinig und fühlte sich an wie etwas, das man in der Tasche trägt, wenn man nervös ist.
Er dachte an die kleinen Dinge. An die Art, wie Finn mit dem Handgelenk zeichnete, locker und konzentriert zugleich. An das stille, fast unmerkliche Lächeln, das er hatte, wenn er etwas Gutes fand. An den kurzen Blick auf der Tribüne, die zaghaft gehobene Hand.
Gern. Immer.
Ben presste das Kissen gegen sein Gesicht und lachte lautlos hinein.
Und dann, mitten im Lachen, kam die Angst zurück: kalt, scharf, wie eine Hand im Nacken.
Was, wenn er dich nicht will?
Was, wenn er dich will, und du’s nicht aushältst?
Was, wenn Tobi …
Er drehte sich auf die Seite, zog die Decke bis zum Kinn und starrte in die Dunkelheit. Auf dem Nachttisch lag das Handy. Er griff danach, ohne zu wissen, was er wollte.
Er öffnete die Seite.
Unter seinem Kommentar stand eine Antwort. Sie war vom Morgen. Er hatte sie nur zur Hälfte gelesen, bevor seine Mutter ihn aus dem Zimmer gerufen hatte.
Das klingt, als wäre es wichtig. Wie fühlt es sich an?
Und seine eigene Antwort darunter: Wie Wasser, das ich nicht trinken kann, aber sehe.
Neu war nur eine dritte Zeile, vor wenigen Minuten gepostet.
Vielleicht muss man nicht gleich trinken. Vielleicht reicht es erst mal, am Ufer zu sitzen.
Ben las den Satz, und die Angst wurde kleiner. Sie verschwand nicht. Aber sie rückte ein Stück zur Seite, wie jemand, der in einem Bus Platz macht.
Danke, schrieb er. Ich weiß nicht, wer du bist. Aber du bist ziemlich gut darin, jemandem das Gefühl zu geben, dass er nicht verrückt ist.
Das bist du auch nicht, kam die Antwort. Und ich glaube, du bist ziemlich mutig.
Er hielt das Handy an die Brust. Dann schloss er die Augen.
In einem anderen Zimmer, am anderen Ende der Stadt, lag ein Junge auf dem Bauch, das Gesicht im Kissen vergraben, mit einem Handy in der Hand, auf dem noch das Licht brannte. Er hatte gerade einen Satz geschrieben, von dem er nicht wusste, ob er ihn je bereuen würde.
Ich glaube, du bist ziemlich mutig.
Und er wusste nur eines mit Sicherheit.
Wenn halbzeit_17 zufällig auf dem Spielfeld nach jemandem gesucht hatte, den er in der Menge fand, dann war es entweder das Schönste, das ihm je passiert war.
Oder das Schmerzhafteste.
Er schlief erst spät ein.