
„Du musst die Fische anfassen“, sagte Jörg Albrecht. „Sonst weißt du nicht, wie sie sich anfühlen.“
„Ich weiß, wie Fisch sich anfühlt“, sagte Ben.
„Ach ja?“
„Kalt. Glitschig. Ein bisschen vorwurfsvoll.“
Jörg sah ihn an. Dann zeigte sich etwas in seinem Gesicht, das bei anderen Menschen ein Lächeln gewesen wäre, bei ihm aber lediglich ein Zucken am linken Mundwinkel war. „Vorwurfsvoll“, wiederholte er. „Das ist gut. Das schreib ich mir auf.“
Es war der dritte Samstag im Oktober, kurz nach neun, und Ben Kowalski stand in der Räucherei der Familie Albrecht, in einer Plastikschürze, die ihm bis zu den Knien reichte, und hielt mit beiden Händen einen Lachs. Die Schulter war inzwischen fast verheilt, nur ein leichtes Ziehen erinnerte ihn noch an den Sturz. Draußen vor den kleinen, beschlagenen Fenstern lag der Hafen im Morgendunst, und aus dem großen Ofen im hinteren Raum zog der Geruch von Buchenholz herüber, süß und rauchig und so dicht, dass man ihn fast kauen konnte.
„Du hängst ihn so auf“, sagte Jörg und zeigte es ihm. Ein Haken durch die Schwanzflosse, ein kurzer Schwung, dann baumelte der Fisch an der Stange zwischen seinen Kollegen. „Nicht quetschen. Der Fisch hat’s schon schwer genug.“
„Verstanden.“
„Hast du das schon mal gemacht?“
„Ich hab einmal Angeln probiert. Mit meinem Opa. Ich hab einen Schuh gefangen.“
„Klingt nach Talent.“
„Das war ein sehr guter Schuh.“
Hinter ihnen, an der Edelstahlbank, stand Finn und schnitt Zitronen in Scheiben. Er hatte versucht, nicht zu lachen, und scheiterte kläglich. Seine Schultern bebten. Ben sah es aus dem Augenwinkel und musste ebenfalls grinsen.
„Konzentration“, brummte Jörg.
„Jawohl.“
„Der Fisch merkt es, wenn man lacht.“
„Tut er?“
„Nein.“ Jörg ging zurück zum Ofen. „Aber ich merke es.“
* * *
Es war Finns Idee gewesen. Oder besser gesagt: Es war Pias Idee gewesen, die Finn nur nicht schnell genug hatte verhindern können.
„Du hast gesagt, du lädst ihn ein“, hatte sie am Donnerstag beim Abendessen verkündet.
„Ich hab nie …“
„Papa hat gesagt: Beim nächsten Mal. Und Ben hat gesagt: Versprochen. Ich hab beides gehört.“
„Du lauschst schon wieder.“
„Ich bin eine Zeugin.“
Jörg hatte an seinem Teller gehangen und plötzlich sehr interessiert auf seine Kartoffeln geschaut. Anke hatte ihr Weinglas gehoben und gelächelt. Und Finn war klargeworden, dass er in einem Raum voller Verschwörer saß.
Also hatte er Ben geschrieben. Eine kurze Nachricht, dreimal umformuliert, am Ende nur: Falls du am Samstag Zeit hast: Mein Vater meint, du sollst dein Versprechen einlösen.
Bin da, hatte Ben nach exakt zwölf Sekunden geantwortet.
Und jetzt war er da.
* * *
Gegen elf kam Anke Albrecht aus dem Buchladen herüber. Sie trug einen langen, hellgrünen Mantel und hielt eine Papiertüte, aus der es nach Kaffee und Zimtschnecken duftete. Sie blieb in der Tür stehen, nahm die Szene in sich auf, den großen Jungen im Schürzenzelt neben ihrem Mann, ihren Sohn an der Anrichte, die Fische an den Haken, und etwas an ihrem Gesicht wurde weich.
„Wir haben Besuch“, sagte sie.
„Frau Albrecht.“ Ben legte hastig den Lachs weg und wischte die Hände an der Schürze ab. „Guten Tag. Ich bin Ben.“
„Ich weiß.“ Sie lächelte. „Pia hat mir alles erzählt.“
„Alles?“
„Es war ein ziemlich ausführlicher Vortrag.“
„Mama“, sagte Finn warnend.
„Ich sage nur, dass ich es weiß.“ Sie stellte die Tüte auf die Bank. „Zimtschnecken. Für euch alle. Ich dachte, nach dem Fischehaken brauchen wir etwas Süßes.“
Ben nahm eine. Er biss hinein, und seine Augen wurden groß.
„Das ist … das ist die beste Zimtschnecke meines Lebens.“
„Von der Bäckerei Hansen. Ich geh immer vorbei, bevor sie ausverkauft sind.“
„Darf ich … noch eine?“
„Du darfst zwei.“
„Frau Albrecht, ich möchte Ihnen jetzt schon danken. Für alles.“
Anke Albrecht lachte, ein helles, warmes Lachen. „Du bist ja ein Charmeur.“
„Er ist hungrig“, sagte Finn.
„Das auch“, gab Ben zu.
Und für einen Moment war die Räucherei von etwas gefüllt, das Finn lange nicht gespürt hatte: ein leises, selbstverständliches Zusammensein, wie ein Raum, in dem die Fenster geöffnet sind und das Licht hereinfällt, ohne dass jemand es bestellt hat.
* * *
Nach der Pause zeigte Jörg ihnen den Ofen.
Er war ein riesiges, schwarzes Ungetüm aus Backstein und Stahl, so alt wie die Räucherei selbst, mit einer schweren Eisentür und einem Rauchfang, der durch die Decke ins Freie führte. Im Inneren hingen Dutzende von Fischen in langen Reihen, goldbraun, glänzend, und ein dünner Nebel aus Buchenrauch quoll aus den Ritzen.
„Mein Vater hat ihn gebaut“, sagte Jörg. „Dreiundsiebzig. Mit eigenen Händen.“
„Das ist unglaublich.“
„Das ist Handwerk.“ Er klopfte gegen das Metall. „Er hat gesagt, man muss ihm zuhören. Der Ofen redet mit dir. Wenn er zu heiß wird, knistert er. Wenn er zu kalt ist, schweigt er.“
„Und jetzt?“
Jörg legte das Ohr an die Eisentür. Er schloss die Augen. Dann nickte er.
„Er ist zufrieden.“
Ben tat es ihm nach, mit gerunzelter Stirn, und tatsächlich: Hinter dem Eisen war ein leises, fernes Knistern zu hören, wie Papier, das in einem Kamin zerfällt.
„Er sagt Hallo“, flüsterte Ben.
„Er mag dich.“
„Woher wissen Sie das?“
„Er hat’s mir gesagt.“
Hinter ihnen konnte Finn nicht mehr an sich halten und prustete los. Sein Vater drehte sich um, mit gespielter Strenge, aber seine Augen funkelten.
„Du lachst über den Ofen?“
„Ich lache über dich.“
„Das ist Respektlosigkeit.“
„Das ist Zuneigung.“
Jörg brummte, und es klang zum ersten Mal, seit Ben ihn kannte, fast wie ein richtiges Lachen.
* * *
Mittags aßen sie auf der Hafenmauer.
Jede Familie, die in Warnholm aufwuchs, hatte irgendeinen Platz am Hafen, den sie für sich beanspruchte. Für die Albrechts war es ein breiter, flacher Betonstreifen vor der Räucherei, wo man mit den Beinen über dem Wasser baumeln konnte und die Boote kommen und gehen sah. Anke hatte eine Decke ausgebreitet, Jörg Fischbrötchen verteilt, Pia sich zwischen Ben und Finn gedrängelt und kauend ein Gespräch über Krimis begonnen.
„Hast du schon mal einen Mord gelöst?“, fragte sie Ben.
„Nein.“
„Ich schon.“
„Wirklich?“
„Im Kopf. Beim Lesen. Ich komme immer vor dem Detektiv drauf.“
„Das ist beeindruckend.“
„Ich weiß.“ Sie biss in ihr Brötchen. „Finn kommt nie drauf. Er liest nicht mal richtig. Er guckt nur auf die Illustrationen.“
„Pia“, sagte Finn.
„Was? Stimmt doch.“
„Du erzählst Ben zu viel.“
„Ich erzähl ihm nur Fakten.“
„Welche Illustrationen?“, fragte Ben interessiert.
„Er zeichnet auch“, sagte Pia, als sei das die offensichtlichste Sache der Welt. „Nicht nur Fensterrahmen. Auch Menschen und Häuser und … na ja.“ Sie unterbrach sich und sah rasch zu Finn, der sie mit einem Blick fixierte, der Stahl hätte schneiden können. „Und Plakate.“
„Plakate“, wiederholte Ben langsam.
„Ja. Plakate.“
„Hmm.“
Er sagte nichts weiter. Aber Finn sah, wie er sich ein wenig zurücklehnte, wie eine Falte zwischen seinen Brauen erschien. Es war ein winziger Moment, nicht mehr als ein Flackern. Dann nahm Ben einen Schluck Limonade, und das Flackern war weg.
Aber irgendwo unter Finns Rippen machte sich ein dumpfes, kaltes Gefühl breit.
Er ahnt etwas.
Nein. Er ahnt nichts. Er hat nur zugehört.
Er ist nicht dumm.
Er ist nicht misstrauisch. Er ist neugierig.
Anke warf ihm einen kurzen Blick zu, mütterlich und wach, und lenkte das Gespräch mit einer beiläufigen Frage über den Handballverein in eine andere Richtung.
* * *
Nach dem Essen bestand Pia darauf, Ben ihr Zimmer zu zeigen.
„Das ist wichtig“, erklärte sie. „Jeder Gast muss mein Zimmer sehen. Das ist Tradition.“
„Seit wann?“, fragte Finn.
„Seit heute.“
Ben ließ sich willig die Treppe hinaufschleppen, vorbei an Familienfotos in schiefen Rahmen, vorbei an einem Regal voller Schiffsmodelle, die Jörgs Vater gebaut hatte. Pias Zimmer war ein kleines Chaos aus Büchern, Postern und einer Pinnwand, auf der Zeitungsausschnitte hingen, rote Fäden zwischen Stecknadeln gespannt. Auf dem Bett lag ein aufgeschlagener Krimi, daneben ein Notizheft mit der Aufschrift FALL 14: Der Mann ohne Schatten.
„Wow“, sagte Ben.
„Ich weiß.“
„Du bist ziemlich gründlich.“
„Ich bin professionell.“
Ben lachte und ließ den Blick über das Zimmer schweifen. Und dann, ohne besonderen Grund, ging er den Flur entlang, zur offenen Tür am Ende des Gangs.
„Und das ist …?“
„Finns Zimmer. Du darfst da nicht rein.“
„Ich geh nicht rein. Ich guck nur.“
„Das ist dasselbe.“
„Ist es nicht.“
Die Tür stand einen Spalt offen. Und durch den Spalt sah Ben ein schmales Bett, einen Schreibtisch voller Papiere, ein Fenster mit Blick auf den Hafen. Über dem Bett klebten verblichene Leuchtsterne. An der Wand hingen ein paar Zeichnungen, mit Klebeband befestigt: ein Küstenstreifen, ein Segelboot, eine Hand, die einen Stift hielt.
Und auf dem Schreibtisch, halb unter einem Stapel Skizzenpapier, lag ein Blatt.
Ein Leuchtturm.
Fein gezeichnet. Mit einer Strichführung, die er kannte. Eine Linie, die sich oben in einem Lichtbogen auflöste, genau so, wie er sie hundertmal gesehen hatte, auf einem Bildschirm, in einem Zimmer mit Handballtrophäen, nachts, bei ausgeschaltetem Licht.
Ben blieb stehen.
Sein Herz stolperte.
Das ist nur der Entwurf, dachte er. Fürs Plakat. Wir haben doch einen Leuchtturm besprochen.
Aber der Strich war derselbe.
Quatsch. Viele Leute zeichnen Leuchttürme. Das ist ein Motiv. Wie Segelboote.
Aber die Art, wie das Licht oben auslief, wie es sich in kleine Strahlen auflöste, mit diesen drei, winzigen, präzisen Linien am Rand, die an der Spitze fast wie ein Lächeln wirkten …
„Ben?“
Er zuckte zusammen und drehte sich um.
Finn stand im Flur, mit Zimtschneckenkrümeln am Kinn, einer Frage in den Augen und so viel Angst in der Haltung seiner Schultern, dass es Ben fast wehgetan hätte.
„Alles okay?“
„Ja. Klar.“ Ben trat vom Türspalt zurück. „Ich hab nur geguckt. Ich hab nicht gespickt.“
„Okay.“
„Es ist ein schönes Zimmer.“
„Danke.“
„Das ist der Leuchtturm. Fürs Plakat, oder?“
Finn atmete einmal flach. „Ja“, sagte er. „Fürs Plakat.“
Und Ben nickte, langsam, und schluckte die Frage herunter, die ihm auf der Zunge lag.
Ist es der Leuchtturm aus dem Comic?
Er kannte die Antwort nicht. Und er wusste auch nicht, ob er sie hören wollte.
* * *
Am späten Nachmittag, als die Sonne tief über dem Wasser stand und die Möwen in der gelben Luft kreisten, brachte Finn ihn zum Fahrradständer.
Sie liefen nebeneinander, langsam, ohne Eile. Hinter ihnen im Hafen rasselte eine Kette. Vor ihnen lag die Straße, golden und leer, mit langen Schatten.
„Danke fürs Kommen“, sagte Finn.
„Danke fürs Einladen.“
„Das war eigentlich Pia.“
„Ich weiß. Sie ist mein Lieblingsmensch in deiner Familie.“
„Sag das nicht zu laut.“
„Warum?“
„Sie bildet sich was darauf ein.“
Ben grinste. Dann wurde er still. Sie blieben vor dem Fahrradständer stehen, wo sein rotes Rennrad lehnte, und Ben legte die Hand auf den Sattel, ohne aufzusteigen.
„Finn.“
„Ja?“
„Ich wollte … wegen vorhin. Das mit den Zeichnungen. Ich wollte nicht …“
„Schon gut.“
„Ich meine, falls du irgendwann mal was zeigen willst. Was Persönliches. Dann bin ich da. Ich werd nicht lachen. Ich verspreche es.“
Finn sah ihn an. Im goldenen Licht wirkte Bens Gesicht weicher, die Narbe über der Augenbraue heller, die Augen fast durchsichtig.
Sag es ihm, dachte Finn. Sag es einfach.
Ich bin der Zeichner. Ich bin Anselms Hand. Ich bin der, der dir geantwortet hat.
Aber seine Zunge lag schwer in seinem Mund.
„Danke“, sagte er stattdessen. „Das bedeutet mir viel.“
„Okay.“
„Wirklich.“
„Okay.“ Ben lächelte. „Dann sehen wir uns Montag.“
„Montag.“
Er stieg auf, hob eine Hand, und fuhr langsam davon. Finn blieb am Ständer stehen, mit hängenden Armen, und sah ihm nach, wie er in der Abendsonne kleiner wurde.
* * *
Hinter ihm, an der Ecke der Räucherei, stand Anke Albrecht und hatte alles gesehen.
Sie trat zu ihrem Sohn und legte ihm sanft den Arm um die Schultern.
„Er ist ein guter Junge“, sagte sie.
„Mama.“
„Ich sage nur.“
„Ich weiß.“
„Und er mag dich.“
Finn schwieg. Sein Hals war eng.
„Ich weiß nicht, ob er mich mag oder jemanden, den er sich einbildet“, sagte er schließlich leise.
Anke zog ihn näher. Sie roch nach Zimt und Papier und Bohnerwachs.
„Das“, sagte sie, „kriegt man nur raus, indem man sich zeigt.“
Er lehnte den Kopf an ihre Schulter. Die Sonne ging unter. Die Möwen schrien.
Und draußen auf der Mole, im Dämmerlicht, blinkte zum ersten Mal an diesem Abend das alte Seezeichen auf, rot und rhythmisch, wie ein Herz, das noch nicht entschieden hatte, ob es schlagen wollte.