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Kapitel 9: Funkstille

Illustration zu Kapitel 9

Im November kam der Nebel nach Warnholm und blieb.

Er legte sich über den Hafen wie eine nasse Decke, kroch durch die Gassen, hing in den Bäumen und ließ die Welt auf einen Umkreis von zehn Metern schrumpfen. Die Möwen schrien unsichtbar über den Dächern. Die Fischkutter fuhren im Schritttempo aus und ein, mit Nebelhörnern, die klangen wie müde Elefanten. Man ging durch die Stadt und hörte mehr, als man sah.

Finn mochte das. In diesem Nebel konnte man verschwinden.

Er machte es sich zur Gewohnheit, früh zur Schule zu kommen und spät zu gehen. In den Pausen saß er mit Lotte in der Bibliothek, hinter einem Regal mit alten Atlanten, wo man ihn nicht fand. Beim Mittagessen aß er in der Redaktion der Schulzeitung, einem winzigen Raum unter der Treppe, in dem es nach Kopierpapier und kaltem Kaffee roch. Im Unterricht wechselte er den Platz. Nicht auffällig. Nur eine Reihe weiter nach vorn, auf einen Stuhl, der frei geworden war, weil jemand krank war.

Ben bemerkte es natürlich.

Er bemerkte es am ersten Montag nach der Sturmnacht, als er in den Klassenraum kam und die vorletzte Reihe am Fenster leer war. Er bemerkte es, als Finn in Kunst plötzlich einen anderen Tisch wählte. Er bemerkte es, als Finn auf dem Gang den Blick senkte und an ihm vorbeiging, höflich, freundlich, mit einem kleinen Nicken, wie man jemanden grüßt, den man flüchtig kennt.

Es war das Freundlichste, was Finn hätte tun können. Und das Grausamste.

* * *

„Er redet nicht mit mir“, sagte Ben.

„Das merk ich.“

„Er guckt mich nicht mal an.“

„Das merk ich auch.“

„Samira.“

„Ich hab Augen im Kopf.“

Es war Mittwoch, der fünfte November, kurz nach dem Training, und die Umkleide der Sporthalle leerte sich langsam. Ben saß auf der Holzbank, noch immer im verschwitzten Trikot, das Handtuch um den Hals, und starrte auf seine Füße. Samira hatte sich neben ihn gesetzt und löste mit Hingabe ihre Handschuhe.

„Ich hab zweimal versucht, mit ihm zu reden“, sagte Ben. „Am Donnerstag nach dem Fest. Und gestern. Er hat gesagt: ‚Alles gut, Ben.‘ Zweimal. Mit genau demselben Gesicht.“

„Welchem Gesicht?“

„Dem Gesicht von jemandem, der höflich ist.“

„Das ist ein schlechtes Zeichen.“

„Ja.“

„Höflichkeit ist die Vorstufe zur Kündigung.“

„Samira.“

„Ich sag nur, wie es ist.“ Sie legte die Handschuhe beiseite und sah ihn an. „Was erwartest du? Du hast ihn stehen lassen.“

„Ich weiß.“

„Vor seinem Ex.“

„Ich weiß.“

„Vor dem Menschen, der ihn am meisten verletzt hat.“

„Ich WEISS, Samira!“

Seine Stimme hallte durch die Umkleide. Ein Spieler aus der B-Jugend, der gerade hereinkam, blieb stehen, sah die beiden an, drehte sich um und verschwand wieder.

Ben schlug die Hände vors Gesicht.

„Ich war wie versteinert“, sagte er hinter den Fingern. „Ich wollte was sagen. Ich hab’s versucht. Aber da war Tobi, und alle haben geguckt, und ich hab gedacht: Wenn ich jetzt was sage, dann ist es raus. Dann weiß es jeder. Und ich bin nicht … ich bin noch nicht …“

„Bereit.“

„Ja.“

„Das ist okay.“

„Ist es nicht!“, brach es aus ihm heraus. „Weil er nicht warten muss, bis ich bereit bin! Er hat schon genug gewartet! Er hat sein ganzes Leben darauf gewartet, dass irgendjemand zu ihm hält! Und ich …“ Er brach ab, atmete schwer.

Samira legte ihm die Hand auf den Rücken.

„Ben. Hör mir zu.“

„Was?“

„Du kannst nicht ungeschehen machen, was passiert ist. Aber du kannst entscheiden, was als Nächstes kommt.“

„Und was?“

„Das musst du rausfinden“, sagte sie. „Aber es wird nicht damit anfangen, dass du ihm hinterherläufst. Er hat das Recht, sauer zu sein.“

„Ich weiß.“

„Dann lass ihn sauer sein. Und tu was Richtiges.“

„Was ist das Richtige?“

Samira lächelte, und es war ein müdes, sehr freundliches Lächeln. „Wenn ich das wüsste, würde ich Beraterin werden und mich nicht jeden Tag mit Bällen beschießen lassen.“

* * *

In der Nacht lag Ben auf dem Bett und starrte auf den Bildschirm seines Handys.

Seit der Sturmnacht hatte er dem Account dreimal geschrieben. Nichts Langes. Kurze Sätze. Zuerst: Ich hab etwas Dummes getan. Dann: Ich glaube, ich hab alles kaputt gemacht. Dann, vorgestern: Bist du noch da?

Keine Antwort.

Zum ersten Mal, seit er dem Account schrieb, kam keine Antwort.

Er scrollte durch die alten Nachrichten. Die ruhigen Sätze des Zeichners, die immer so klangen, als wüsste er genau, wo es wehtat, und legte trotzdem nur ganz vorsichtig den Finger daneben. Manchmal kommt man wieder gut, indem man bleibt. Vielleicht reicht es erst mal, am Ufer zu sitzen. Und ich glaube, du bist ziemlich mutig.

Ein Stich fuhr durch seine Brust.

Er hatte nicht gewusst, wie sehr er sich an diese Stimme gewöhnt hatte. Wie sie wie ein Licht am Ende eines Gangs gewesen war, ein kleiner, verlässlicher Punkt in der Dunkelheit. Und jetzt war der Gang leer.

Habe ich beide verloren?, dachte er. Finn. Und den Zeichner.

Der Gedanke war absurd. Zwei völlig verschiedene Menschen. Und doch schnitt er durch ihn hindurch wie ein kaltes Messer.

Er öffnete die letzte Comicseite. Seite 34, hochgeladen vor zehn Tagen. Anselm, am Fenster, die Hand an der Scheibe. Das Meer im Hintergrund, unbewegt. Auf dem Tisch ein Brief, ungeöffnet. Darunter nur ein einziger Satz.

Manche Briefe kommen an, aber man traut sich nicht, sie zu lesen.

Seitdem war nichts mehr gekommen.

Ben legte das Handy auf die Brust und schloss die Augen.

Was machst du gerade?, fragte er in die Dunkelheit. Wo auch immer du bist, wer auch immer du bist?

Es antwortete niemand.

* * *

Finn hatte das Handy in die Schublade gelegt.

Er hatte es nicht ausgeschaltet. Er hatte es nur dorthin getan, unter ein Notizbuch und einen Stapel alter Zeichnungen, wo er es nicht sah. Es war eine seltsame Art von Kapitulation: nicht ein Verschwinden, sondern ein Nicht-Hinsehen.

Er konnte nicht antworten. Er hätte nicht gewusst, was.

Ich hab etwas Dummes getan.

Ich glaube, ich hab alles kaputt gemacht.

Bist du noch da?

Die Worte hatten ihn wie kleine, scharfe Steine getroffen. Er hatte jeden Satz gelesen, mehrmals, und mit jedem Mal war die Frage größer geworden. Ist er es? Kann er es sein? Wer sonst schreibt solche Sätze genau jetzt, genau nach diesem Abend?

Und gleichzeitig: Was, wenn ja? Was, wenn er es ist, und er schreibt dem Zeichner das, was er mir nicht sagen konnte?

Das war das Schlimmste. Nicht das Nicht-Wissen. Das Fast-Wissen.

Denn wenn Ben halbzeit_17 war, dann hatte er dem Anonymen genau die Wahrheit gesagt, die er Finn verweigerte. Dann gab es zwei Bens: den einen, der in der Dunkelheit eines Smartphones ehrlich war, und den anderen, der in der Helligkeit eines Treppenabsatzes schwieg.

Und Finn wusste nicht, welcher von beiden der echte war.

* * *

„Du siehst furchtbar aus“, sagte Frau Dr. Ehlers.

Es war Freitag nach der sechsten Stunde, und der Kunstraum war leer bis auf Finn, der an seinem Platz am Fenster saß und seit zwanzig Minuten ein weißes Blatt anstarrte. Draußen lag der Nebel so dicht, dass man das Fahrradhäuschen nur als Umriss erkannte.

„Danke“, sagte er.

„Gern geschehen.“ Sie zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ihm gegenüber, den lila Schal über den Knien. „Wollen Sie darüber reden?“

„Nein.“

„Das habe ich mir gedacht.“

Sie blieb sitzen. Sie sagte nichts. Aus dem Flur drang das ferne Klappern von Stühlen, das Schlagen von Türen. Die alte Uhr über der Tafel tickte.

Nach einer Weile sagte Finn: „Haben Sie jemals etwas gemacht, von dem Sie wussten, dass es richtig ist, und es hat trotzdem wehgetan?“

Frau Dr. Ehlers lächelte. „Mein Beruf besteht aus nichts anderem.“

„Wirklich?“

„Jedes Mal, wenn ich einem Schüler sage, dass sein Bild nicht gut genug ist.“

„Das ist was anderes.“

„Vielleicht.“ Sie neigte den Kopf. „Aber ich glaube, der Unterschied ist kleiner, als wir denken.“

Finn drehte den Bleistift zwischen den Fingern.

„Ich habe einen Comic gezeichnet“, sagte er dann.

Er hatte es nicht geplant. Die Worte waren einfach da, wie Wasser, das an einer morschen Stelle durchbricht.

„Ich weiß“, sagte sie.

„Sie wissen …“

„Seit dem ersten Tag. Seit Sie mir vor drei Jahren Ihre ersten Skizzen gezeigt haben, erkenne ich Ihren Strich in jeder Zeile.“ Sie lächelte sanft. „Ich habe nur gewartet, bis Sie es mir sagen.“

Finn spürte, wie seine Augen heiß wurden.

„Er heißt Leuchtturm“, flüsterte er. „Er handelt von einem Mann, der Briefe bekommt. Von jemandem, den er nicht kennt.“

„Ich habe ihn gelesen.“

„Alle?“

„Alle vierunddreißig Seiten. Mehrmals.“ Sie legte die Hände ineinander. „Er ist das Beste, was ich seit langem gesehen habe, Finn. Nicht nur als Lehrerin. Als Mensch.“

„Aber …“

„Aber?“

„Aber da ist jemand, der darauf antwortet. Ein Leser. Er schreibt mir. Schon seit Monaten.“ Finn schluckte. „Und ich glaube, ich weiß, wer es ist. Und ich weiß nicht, ob ich es wissen will.“

Frau Dr. Ehlers schwieg. Sie schien nicht überrascht. Sie schien nur zuzuhören, mit einem Ernst, der Finn ruhig machte.

„Wissen Sie, was das Schwierigste am Zeichnen ist?“, sagte sie schließlich.

„Perspektive?“

„Nein.“ Sie lächelte. „Zu entscheiden, was man nicht zeigt. Man will immer alles zeigen. Aber ein gutes Bild lebt von dem, was fehlt.“

„Und was hat das mit …“

„Ihre Geschichte hat eine Lücke. Das, was zwischen Ihnen und diesem Menschen steht, ist keine Wahrheit. Es ist eine Lücke. Und in der Lücke wachsen Ängste.“

„Und wie fülle ich sie?“

„Ich weiß es nicht“, sagte sie ehrlich. „Aber ich weiß, dass Anselm sie irgendwann füllen wird. Und ich weiß, dass Sie ihn zeichnen.“

Finn senkte den Kopf.

„Er hat aufgehört, Briefe zu lesen“, sagte er leise. „Seite vierunddreißig. Er traut sich nicht.“

„Dann zeichnen Sie die nächste.“

„Und wenn es wehtut?“

„Dann tut es weh.“ Sie stand auf, strich ihm im Vorbeigehen kurz über die Schulter. „Und danach wissen Sie mehr als davor.“

Sie ging zur Tür. Dort blieb sie noch einmal stehen und drehte sich um.

„Herr Albrecht.“

„Ja?“

„Das Plakat in der Aula. Der Leuchtturm. Er ist von Ihnen und Herrn Kowalski.“

„Ja.“

„Es ist das einzige Bild der Sturmnacht, das nicht von einem Stromausfall betroffen war“, sagte sie. „Es hat gestrahlt. Auch im Dunkeln.“

Dann ging sie hinaus und ließ die Tür offen.

* * *

Am Abend zeichnete Finn.

Er saß an seinem Schreibtisch, der Skizzenblock vor ihm, das Fenster einen Spalt offen, damit der Nebel hereinkroch. Draußen blinkte das Seezeichen. Unten klapperte Pia mit Geschirr.

Er zeichnete Seite fünfunddreißig.

Er tat es langsam, ohne Eile, mit einem weichen, dicken Bleistift, den er sonst nur für Schatten nahm. Zuerst den Turm, grau im Nebel. Dann das Fenster, in dem Anselm stand. Dann den Brief, der noch immer auf dem Tisch lag, ungeöffnet, mit einer Wachssiegel-Ecke, die im Licht der Laterne glänzte.

Im vierten Panel nahm Anselm den Brief in die Hand.

Im fünften drehte er ihn um.

Im sechsten sah man nur seine Augen, riesig, offen, mit einem einzigen Reflex darin: das Licht des Turms.

Und unter dem Bild schrieb Finn, mit einer Schrift, die ihm selbst fremd war, weil sie so steil und eilig daherkam, einen Satz.

Der Mensch, der dir schreibt, hat vielleicht genauso viel Angst wie du.

Er legte den Stift weg.

Seine Hände zitterten. Er presste sie flach auf die Tischplatte, atmete tief durch und starrte auf das Blatt.

Vielleicht, dachte er.

Vielleicht.

* * *

Ben saß um dieselbe Zeit auf dem Bettrand und hielt das Handy so fest, dass seine Knöchel weiß wurden.

Eine neue Seite.

Seite fünfunddreißig.

Der Account hatte sie vor zwei Minuten hochgeladen. Es war die erste Veröffentlichung seit zwei Wochen, und Ben hatte, ohne es zu merken, die ganze Zeit die Luft angehalten.

Er sah das Bild. Den Nebel. Den Turm. Das Fenster. Den Brief.

Er sah Anselms Augen im letzten Panel.

Er las den Satz darunter.

Der Mensch, der dir schreibt, hat vielleicht genauso viel Angst wie du.

Ben legte das Handy auf die Bettdecke. Seine Hände fuhren sich übers Gesicht. Er merkte, dass er weinte, leise, ohne Schluchzen, nur mit nassen Wangen und einem kleinen, erleichterten Beben in der Brust.

Er ist da.

Er ist noch da.

Und obwohl es nur eine Comicseite war, nur Linien auf einem Bildschirm, nur ein Satz in einer Sprechblase, spürte er etwas, das er sich nicht erklären konnte: dass dieser Satz nicht an alle gerichtet war.

Dass er für ihn geschrieben war.

Er tippte mit zitternden Fingern eine Antwort.

Danke. Ich hab dich vermisst.

Er schickte sie ab, bevor er es sich anders überlegen konnte.

Auf der anderen Seite der Stadt blinkte eine Nachricht auf einem Bildschirm auf, den jemand gerade erst wieder aus der Schublade geholt hatte.

Finn las sie.

Er legte das Handy auf den Tisch. Er stand auf, ging zum Fenster und sah hinaus in den Nebel, der alles verschluckte außer einem einzigen, gleichmäßigen Licht.

Ich hab dich vermisst.

Es war ein einziger Satz. Und er war so klar, so nackt, so unverstellt, dass Finn keine Sekunde mehr daran zweifeln konnte, was er schon seit Wochen gewusst hatte.

Er legte die Stirn an die kalte Scheibe.

„Ben“, flüsterte er.

Draußen blinkte das Seezeichen. Rot. Gleichmäßig. Geduldig.

Und Finn begriff, zum ersten Mal ganz, dass er zwei Dinge gleichzeitig war: der Junge, der verletzt worden war, und der Zeichner, der längst geantwortet hatte.

Er musste sich nur noch entscheiden, welcher von beiden zuerst sprechen würde.

Comic-Seite aus Leuchtturm, Seite 35