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Kapitel 8: Der Sturm

Illustration zu Kapitel 8

Der Wetterbericht hatte sich geirrt. Oder besser gesagt: Er hatte zu wenig gesagt.

„Windstärke acht bis neun, in Böen zehn“, las Lotte von ihrem Handy ab. „Sturmflutwarnung für die gesamte Ostküste. Die Fähre nach Fehmarn fährt nicht mehr. Und der Hausmeister hat gerade die Fensterläden in der Aula festgeschraubt, als würde er sich auf den Weltuntergang vorbereiten.“

„Das passt zum Motto“, sagte Finn.

„Welches Motto?“

„Sturmnacht.“

„Sehr witzig.“

Es war Freitag, der vierundzwanzigste Oktober, kurz nach sieben, und die Aula der Theodor-Storm-Schule verwandelte sich im Eiltempo in eine Festhalle. Girlanden aus Papierwellen hingen von der Decke, Lichterketten funkelten in den Fensternischen, und an der Stirnseite, über der Bühne, prangte in voller Pracht das große Plakat: ein schlanker Leuchtturm auf einer wilden Klippe, von blauen, schäumenden Wellen umbrandet, darüber ein gelber Lichtkegel, der sich wie ein goldener Fächer über den Himmel spannte.

STURMNACHT, stand darunter, in handgemalten Buchstaben, die aussahen, als würden sie vom Wind geschüttelt.

„Es ist wunderschön“, sagte Lotte leise.

„Es ist ein Plakat.“

„Es ist ein Kunstwerk. Frau Ehlers hat geweint, als sie es gesehen hat.“

„Sie hat nicht geweint. Sie hatte etwas im Auge.“

„Tränen. Das heißt Tränen.“

Finn sah hinauf. Es war wirklich schön, das musste er zugeben. Seine feinen Linien und Bens wilde Wellen, zusammen auf einem Blatt, wie zwei Stimmen, die sich in einem Lied gefunden hatten. Niemand hätte erraten, dass sie von zwei verschiedenen Händen stammten. Und doch spürte man beim Hinsehen genau das: dass es zwei Hände waren.

„Der Leuchtturm sieht aus wie er“, sagte Lotte beiläufig.

„Wer?“

„Ben.“

„Quatsch.“

„Doch. Ein bisschen. Er hat dasselbe …“ Sie suchte nach dem Wort. „Diese Mischung aus Aufrecht und Weich.“

Finn schwieg.

„Wo ist er überhaupt?“, fragte Lotte.

„Er muss noch zum Mannschaftsfoto. Er kommt später.“

„Und du bist nervös.“

„Ich bin nicht …“

„Du hast dreimal deine Krawatte neu gebunden.“

„Das war ein Technikproblem.“

„Du hast keine Krawatte um.“

Finn griff sich an den Hals. Lotte hatte recht. Er hatte keine Krawatte um, sondern nur einen Kragen, den er unbewusst immer wieder geradezog. Er ließ die Hand sinken und zwang sich zu einem Lächeln, das nicht gelang.

* * *

Um acht begann das Fest.

Die Aula füllte sich langsam mit Schülern, in dunklen Hemden, Kleidern, festlichen Jacken. Jemand hatte einen Plattenspieler aufgebaut, aus dem ein alter Seefahrerschlager krächzte, und die Gesamtstimmung erinnerte ein wenig an eine Mischung aus Abschlussball und Piratenhochzeit. Draußen fauchte der Sturm um das Gebäude. Alle paar Minuten schlug eine Böe gegen die Fenster, und das Licht der Lampen zitterte.

Finn stand mit einem Glas Apfelschorle an der Wand und tat sein Bestes, unsichtbar zu sein.

„Du siehst gut aus“, sagte eine Stimme neben ihm.

Er fuhr herum. Ben stand da.

Er trug ein schlichtes, dunkelblaues Hemd, die obersten zwei Knöpfe offen, die Ärmel bis zum Ellbogen hochgekrempelt. Seine Schulter war aus der Schlinge, der Arm wieder frei beweglich. Das Haar war ordentlich nach hinten gekämmt, was ihn fremd und zugleich merkwürdig vertraut aussehen ließ, wie ein Foto, das man nach langer Zeit wieder anschaut.

„Du auch“, sagte Finn. „Ich meine … du siehst … gut aus.“

„Danke.“

„Gern.“

„Das Plakat“, sagte Ben und nickte zur Bühne hinüber, „ist echt gut geworden.“

„Es ist unser Plakat.“

„Es ist dein Plakat, mit meinen Wellen.“

„Es ist unser Plakat.“

Sie standen eine Weile nebeneinander und sahen hinauf. Die Lichterketten blinkten sanft, der Seefahrerschlager ging in einen anderen über, und irgendwo hinter ihnen lachte jemand laut.

„Willst du tanzen?“, fragte Ben plötzlich.

Finn verschluckte sich beinahe an seiner Schorle. „Was?“

„Nicht … nicht so. Also, nicht hier. Nicht vor allen. Ich meine …“ Ben rieb sich den Nacken. „Ich wollte nur … ich hab gemerkt, dass ich dich nie gefragt hab, ob du Musik magst.“

„Ich mag Musik.“

„Welche?“

„Alles, was ruhig ist. Und Klavier.“

„Klavier.“ Ben nickte. „Ich kann nicht Klavier. Aber ich mag das Geräusch.“

„Das Geräusch von Klavier?“

„Das Geräusch, wenn man die Tasten drückt und es einen Moment ganz still wird, bevor der Ton kommt.“

Finn musterte ihn. Er hatte das Gefühl, Ben zum ersten Mal wirklich zu sehen, nicht den Sportler, nicht den Kapitän, nicht den Jungen mit der lauten Stimme, sondern jemanden, der Stille hörte.

„Das hast du schön gesagt“, murmelte er.

„Echt?“

„Ja.“

Ben senkte den Blick, und seine Mundwinkel zuckten.

* * *

Um halb zehn fiel das Licht aus.

Es geschah ohne Vorwarnung. Ein lautes Krachen von draußen, ein Zucken in den Lampen, dann ein abruptes, vollkommenes Dunkel. Die Musik brach ab. Jemand schrie. Jemand lachte. Ein Stuhl kippte um.

„Bleibt ruhig!“, rief eine tiefe Stimme von der Bühne. Herr Brandt, der Direktor, tastete mit einer Taschenlampe den Raum ab. „Ein Stromausfall. Das ist bei dem Wetter normal. Der Hausmeister kümmert sich darum. Bitte bleibt, wo ihr seid!“

Finn stand reglos im Dunkeln, die Hand am Glas. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er hasste Dunkelheit in großen Räumen, mit vielen Leuten. Sie machte aus Gesichtern Schemen und aus Schemen Bedrohungen.

Dann spürte er eine Hand an seinem Ellbogen.

„Finn.“

Bens Stimme. Leise. Dicht an seinem Ohr.

„Ich bin hier.“

„Ich weiß.“

„Komm mit.“

„Wohin?“

„Raus aus dem Gedränge.“

Ben nahm seine Hand. Nicht fordernd, nur sicher, wie man sich an einem Geländer festhält. Und Finn, der sich in den letzten Monaten von allem fernhielt, das ihm näher als eine Armlänge kam, ließ sich führen.

Sie schlängelten sich durch die dunkle Menge, vorbei an kichernden Mädchen, an Jungs, die ihre Handylampen aktivierten, an Lehrern mit Taschenlampen. Ben kannte den Weg. Er ging zielstrebig auf die Seitentür neben der Bühne zu, schob sie auf, und sie standen in einem schmalen Treppenhaus, das nach oben führte.

„Wohin geht das?“, flüsterte Finn.

„Zum Dachboden der Aula. Hab ich im ersten Jahr entdeckt. Manchmal sitze ich da, wenn ich nachdenken muss.“

„Darf man das?“

„Nein.“

„Und du machst es trotzdem?“

„Ja.“

Finn lächelte im Dunkeln. Er spürte, wie sich Bens Finger fester um seine schlossen. Die Treppe war eng und knarrte bei jedem Schritt, und je höher sie stiegen, desto lauter wurde das Heulen des Sturms. Dann öffnete Ben eine schwere Holztür, und sie standen auf einem kleinen Absatz unter dem Dach, einer Art Balkon mit niedriger Brüstung und einem großen runden Fenster.

Draußen tobte die Nacht.

* * *

Der Sturm hatte die Stadt in Besitz genommen. Durch das runde Fenster sah man über die Dächer von Warnholm hinweg, über Schornsteine und Giebel und Baumkronen, die sich im Wind bogen wie Gräser. Der Himmel war pechschwarz, nur hin und wieder erhellt von einem Blitz, der die ganze Landschaft in ein kaltes, silbernes Licht tauchte. Und weit hinten, am Rand der Welt, rollte das Meer heran: ein dunkles, wogendes Etwas mit weißen Kämmen.

Die Stadt war dunkel. Nirgendwo ein Licht, kein Fenster, keine Straßenlaterne. Nur der Himmel und die See.

Und ganz hinten, auf dem äußersten Ende der Mole, blinkte das Seezeichen. Regelmäßig. Rot. Unerschütterlich.

„Wow“, flüsterte Finn.

„Ja.“

Sie standen an der Brüstung, Schulter an Schulter. Der Wind pfiff durch die Ritzen, zerrte an ihren Hemden. Ben hatte seine Hand immer noch nicht losgelassen, und Finn hatte es nicht bemerkt oder nicht bemerken wollen.

„Hier oben ist es ruhig“, sagte Ben.

„Es ist laut.“

„Ja. Aber es ist die gute Art von laut.“

Finn lachte leise. Er sah zu Ben hinüber. Im zuckenden Licht der Blitze wirkte dessen Gesicht ganz anders: schärfer, älter, verletzlicher. Die Augen glänzten.

„Finn“, sagte Ben.

„Ja?“

„Ich muss dir was sagen.“

Finns Herz setzte kurz aus.

„Okay.“

„Ich weiß nicht, wie. Ich hab das noch nie gemacht. Ich hab’s nicht mal geübt, weil ich dachte, wenn ich’s übe, wird es falsch. Und jetzt stehe ich hier, und mir fällt kein einziger Satz ein.“

„Dann sag keinen.“

„Wie meinst du das?“

„Sag nichts. Zeig’s mir.“

Ben starrte ihn an. Der Wind riss ein Fenster im unteren Stock auf, es knallte, und weit unten rief jemand nach dem Hausmeister.

Dann tat Ben etwas, womit Finn nicht gerechnet hatte.

Er hob die freie Hand, zögernd, wie jemand, der nicht sicher ist, ob der Boden trägt, und legte sie an Finns Wange. Seine Handfläche war warm und rau, und sein Daumen strich ganz leicht über die Haut, eine Berührung so zart, dass sie fast nicht existierte.

Finn hielt den Atem an.

Ihre Gesichter waren jetzt nur noch eine Handbreit entfernt. Er sah die einzelnen Wimpern. Er sah das Zittern in Bens Lippen. Er sah, wie sich die Augen langsam schlossen, und spürte, wie seine eigenen es ihnen gleichtaten.

Dreißig Zentimeter. Zwanzig. Zehn.

Ein Blitz zerriss den Himmel.

Und in diesem Moment krachte unten die Tür auf.

* * *

„Na, wen haben wir denn da?“

Die Stimme kam aus dem Treppenhaus. Glatt. Amüsiert. Und eine Spur zu freundlich.

Finn riss die Augen auf. Ben ließ die Hand sinken, als hätte er sich verbrannt.

Auf dem Absatz stand Marlon Petersen.

Er sah genauso aus, wie Finn ihn in Erinnerung hatte: groß, schlank, mit dunklem, perfekt gestyltem Haar und einem Gesicht, das auf Plakaten hätte hängen können. Er trug einen eleganten schwarzen Mantel und hielt ein Glas Sekt in der Hand. Hinter ihm, im Halbdunkel, tauchten zwei weitere Gestalten auf: Tobi Raake und ein Junge, den Finn nicht kannte.

„Marlon“, sagte Finn. Seine Stimme klang flach.

„Finn.“ Marlon lächelte. „Lange nicht gesehen.“

„Was willst du?“

„Nichts. Ich wollte nur frische Luft schnappen. Und da hat mir Tobi erzählt, dass ihr beiden hier oben seid.“ Er ließ den Blick wandern, von Finn zu Ben und wieder zurück. „Wie süß.“

Ben trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

Es war eine kleine, instinktive Bewegung. Ein halber Schritt nur. Kein Wegrennen, kein Abschütteln. Eher das Zucken eines Menschen, der gerade beim Lügen erwischt wird, noch bevor er gelogen hat.

Aber Finn sah es.

Er sah, wie Bens Hand, die eben noch so sicher an seinem Gesicht gelegen hatte, nach hinten wanderte und sich in der Hosentasche versteckte. Er sah, wie Bens Blick zu Tobi huschte und rasch wieder wegging. Er sah, wie die Schultern sich einen Hauch nach vorn schoben, wie bei jemandem, der sich klein machen will.

„Marlon, lass es“, sagte Ben. Seine Stimme war rau, nicht fest.

„Ich sag doch gar nichts.“

„Dann geh.“

„Ben, Ben.“ Marlon schüttelte lächelnd den Kopf. „Du bist ein netter Kerl, weißt du das? Ich hab dich immer gemocht. Aber ich muss dich warnen, so unter Männern. Finn hat so eine Art, Leute reinzuziehen. Er ist sehr … intensiv.“

„Das stimmt nicht“, sagte Finn.

„Doch. Er schreibt dir Briefe. Er zeichnet dich. Er sieht dich an, als wärst du Gott. Und irgendwann merkst du, dass du in einem Gefühl feststeckst, das gar nicht deins war.“

„Das war nicht so.“

„Und dann bist du der Böse, weil du gehst.“

„Du bist der Böse“, sagte Finn, und seine Stimme zitterte, aber sie brach nicht. „Du hast das Foto rumgeschickt. Du hast gelogen. Du hast mir gesagt, ich sei dein …“

Er konnte nicht weiterreden. Ein Klumpen saß in seiner Kehle.

Tobi lachte leise. Es war kein lautes Lachen, kein Gebrüll, sondern ein dünnes, erleichtertes Lachen wie bei jemandem, der gerade die Pointe erkannt hat.

Und Ben stand da.

Er stand einfach da, zwei Schritte von Finn entfernt, mit hängenden Armen, und sagte nichts.

Finn drehte langsam den Kopf zu ihm.

Sag etwas, dachte er. Bitte. Sag irgendwas. Ein Wort. Ein einziges.

Ben öffnete den Mund. Seine Lippen formten etwas, ein Laut, vielleicht ein Name. Aber dann fiel sein Blick auf Tobi, auf die beiden anderen Jungen, auf den Treppenabsatz mit seinen zwölf Zeugen im Dunkeln, und er schloss den Mund wieder.

Da wusste Finn es.

Es war nicht Feigheit. Nicht ganz. Es war etwas Älteres und Traurigeres: die Angst eines Menschen, der noch nicht weiß, wer er ist, vor Menschen, die schon zu wissen glauben, wer er sein sollte.

Aber es änderte nichts.

„Okay“, sagte Finn leise.

„Finn …“

„Schon gut.“

„Warte, ich …“

„Nein. Wirklich. Es ist okay.“

Er ging an Ben vorbei. Er ging an Marlon vorbei, ohne ihn anzusehen. An Tobi, der einen halben Schritt zur Seite wich. Die Treppe hinunter, durch die Tür, durch die dunkle Aula, in der inzwischen Kerzen angezündet worden waren und die Gesichter der Mitschüler wie Masken im Flackerlicht standen.

Hinter sich hörte er Bens Stimme. Zuerst nah. Dann ferner.

„Finn! FINN!“

Er blieb nicht stehen.

* * *

Draußen schlug ihm der Sturm entgegen.

Es war, als hätte die Nacht nur auf ihn gewartet. Der Wind riss ihm den Atem aus der Lunge, drückte ihn gegen die Backsteinmauer, zerrte an seinem Hemd. Regen peitschte ihm ins Gesicht, kalt, scharf, voller Salz. Er musste die Augen zusammenkneifen, um etwas zu sehen. Der Schulhof lag wie ein schwarzer See vor ihm.

Er lief.

Quer über den Hof, durch Pfützen, an den Fahrradständern vorbei, ohne sein Rad abzuschließen, ohne an irgendetwas zu denken. Das Wasser spritzte an seine Hosenbeine. Seine Schuhe waren in Sekunden durchnässt. Er lief, als könnte er dem Satz entkommen, der ihm im Kopf hing.

Wer nichts sagt, lacht mit.

Er hatte es selbst gehört. Von Ben. In einer Bushaltestelle im Regen. Und jetzt hatte Ben genau das getan, wovon er gesprochen hatte.

Am Tor blieb er stehen, keuchend, mit zitternden Händen, und stützte sich an einem Pfosten ab. Sein Gesicht war nass. Er konnte nicht sagen, ob vom Regen.

„Finn!“

Eine zweite Stimme. Heller. Atemlos.

Lotte kam angerannt, mit nassem Haar, in einem Kleid, das ihr am Körper klebte, mit ihren Schuhen in der Hand. Sie war barfuß. Sie hatte offenbar keine Sekunde gezögert.

„Ich hab dich gesucht! Ich hab dich rausrennen sehen! Was ist passiert?“

„Nichts.“

„Finn.“

„Marlon war da.“

Lottes Gesicht verhärtete sich zu einer Maske aus Eis. „Wo?“

„Oben. Auf dem Dachboden. Mit Tobi.“

„Und Ben?“

Finn presste die Lippen zusammen.

„Hat er was gemacht?“

„Nein.“

„Hat er was gesagt?“

„Nein.“

Lotte sah ihn an, lange, mitten im Regen, mit tropfender Nase und schiefem Haar. Dann ließ sie ihre Schuhe fallen, trat einen Schritt vor und nahm ihn in die Arme. Fest. So fest, dass er kaum atmen konnte.

„Ich bring ihn um“, murmelte sie in seine Schulter.

„Tu’s nicht.“

„Ich bring ihn um, und dann bring ich Marlon um, und dann bring ich Tobi um, und dann gründe ich eine Schulzeitung über alles und bekomme einen Preis.“

Finn lachte. Es war ein trauriges, feuchtes Lachen, halb Schluchzen, und es tat ihm gut.

„Komm“, sagte Lotte. „Wir gehen zu mir. Meine Mutter ist im Nachtdienst. Ich koch dir Tee und wir sehen so lange schlechte Filme, bis du wieder Mensch bist.“

„Danke.“

„Das ist mein Beruf.“

„Ich dachte, dein Beruf ist Chefredakteurin.“

„Ich bin multitalentiert.“

Sie nahm seine Hand und zog ihn mit sich durch den Regen, in Richtung Stadt, wo die Straßenlaternen ausgefallen waren und die Häuser dunkel am Rand der Straße standen wie schlafende Tiere.

* * *

In der Aula gingen die Lichter wieder an.

Mit einem leisen Surren erwachten die Lampen zum Leben, ein kollektiver Seufzer ging durch den Raum, die Musik setzte wieder ein. Die Menge jubelte. Jemand begann zu tanzen. Der Direktor bedankte sich bei der Feuerwehr, die nie gerufen worden war.

Ganz oben, auf dem kleinen Absatz unter dem Dach, stand Ben allein am runden Fenster.

Marlon und die anderen waren längst verschwunden. Der Sturm schlug noch immer gegen das Glas. Und in der Brüstung, an der Stelle, wo Finns Hand gelegen hatte, war ein winziger, warmer Fleck zurückgeblieben.

Ben legte seine Handfläche darauf.

Er stand lange so da, ohne etwas zu denken, ohne etwas zu fühlen außer dem langsamen, dröhnenden Schlag seines eigenen Herzens. Dann ballte er die Faust und schlug, leise und kraftlos, gegen das Holz.

„Du Idiot“, flüsterte er. „Du verdammter Idiot.“

Draußen blinkte das Seezeichen auf der Mole. Rot. Regelmäßig. Unbeirrbar.

Und irgendwo in der Stadt saß ein Junge auf einem fremden Sofa, mit einer Tasse Tee in den Händen, und beschloss, nie wieder zu hoffen.