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Zwischenspiel: Der lila Schal

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Es gibt Lehrerinnen, die Stoff unterrichten, und Lehrerinnen, die Menschen erkennen. Hanna Ehlers hatte nie verstanden, warum man sich zwischen beidem entscheiden sollte.

Der Zug nach Lübeck verließ Warnholm um 17:42 Uhr, und Hanna Ehlers saß im zweiten Wagen am Fenster, mit dem lila Schal um den Hals und einer Mappe auf dem Schoß, die sie seit drei Tagen nicht aus der Hand gelegt hatte.

Draußen glitt die Landschaft vorbei, grau und nass: Felder im Nebel, ein paar Windräder, die wie Riesenvögel über dem Dunst standen, ein einzelner Bauernhof mit einem erleuchteten Fenster. Der Zug ratterte gleichmäßig. Im Abteil roch es nach Regenmänteln und aufgewärmtem Kaffee.

Sie schlug die Mappe auf.

Darin lagen vierunddreißig Blätter. Ausdrucke, sorgfältig gelocht und abgeheftet, jedes mit einem kleinen Zettel versehen, auf dem sie in ihrer klaren Handschrift Anmerkungen notiert hatte. Perspektive Panel 3: wunderbar. Licht im Laternenhaus: erinnert an Hammershøi. Seite 17: Der Sturm. Hier hat er gewusst, was er tut.

Es war eine merkwürdige Vorstellung, dass das, was sie in den Händen hielt, von einem Sechzehnjährigen stammte. Von einem Jungen, der in der letzten Reihe saß und vor Verlegenheit rot wurde, wenn man ihn lobte. Von jemandem, der so leise war, dass man ihn leicht überhören konnte, und der trotzdem etwas sagte, das größer war als jedes Wort.

Sie schloss die Mappe wieder und legte beide Hände darauf.

Ich werde ihn nicht dazu drängen, dachte sie. Aber ich werde ihm die Tür öffnen.

* * *

Der Mann, den sie treffen wollte, hieß Matthias Lindqvist, und er führte einen kleinen Verlag in der Lübecker Altstadt, in einem Haus mit Blick auf die Trave.

Sie kannten sich seit dem Studium. Damals hatten sie in derselben Wohngemeinschaft gewohnt, in einer feuchten Altbauwohnung in Kiel, zusammen mit einem Philosophen, einer Cellistin und einer Katze, die jeden Morgen auf den Frühstückstisch sprang. Matthias hatte Literaturwissenschaft studiert, sie Kunstpädagogik. Er hatte Gedichte geschrieben, sie Collagen geklebt. Er hatte später einen Verlag gegründet, für Bilderbücher, Comics und alles, was zwischen den Genres stand. Sie war Lehrerin geworden.

Sie hatten sich nie aus den Augen verloren. Einmal im Jahr, meist im Spätherbst, trafen sie sich zum Essen, tauschten Bücher und Neuigkeiten aus und stellten fest, dass sie beide älter geworden waren, ohne sich dabei zu verändern.

Heute war es keine Verabredung zum Essen.

„Hanna.“ Matthias stand in der Tür seines Büros, groß, grauhaarig, mit einem Wollpullover und einer Lesebrille auf der Stirn. „Du siehst aus, als hättest du ein Geheimnis.“

„Ich habe eins.“

„Komm rein. Ich mach Tee.“

Das Büro war ein Raum voller Bücher und Papier. An den Wänden hingen Originalzeichnungen in Holzrahmen, auf den Regalen stapelten sich Manuskripte. Auf dem Fensterbrett stand eine Teekanne in Form einer Eule. Sie setzte sich in den abgewetzten Ledersessel am Kamin, öffnete die Mappe und legte sie auf den niedrigen Tisch.

„Ich möchte, dass du dir etwas ansiehst.“

„Was ist es?“

„Ein Comic.“

„Wer hat ihn gezeichnet?“

„Ein Schüler von mir.“

Matthias hob eine Augenbraue. „Hanna. Ich bekomme jede Woche zehn Zuschriften von Lehrern, die mir die Zeichnungen ihrer Schüler schicken. Neunundneunzig Prozent davon sind …“

„Netter Versuch.“

„… lieb gemeint.“

„Das hier ist nicht lieb gemeint.“ Sie schob die Mappe über den Tisch. „Das hier ist gut. Sehr gut. Lies es.“

Er zögerte. Dann setzte er sich, zog die Brille von der Stirn auf die Nase und schlug die erste Seite auf.

Er las lange.

Sie sah ihm dabei zu. Sie sah, wie seine Augen von Panel zu Panel wanderten, wie er manchmal innehielt und zurückblätterte, wie sich seine Mundwinkel veränderten, mal fast zu einem Lächeln, mal zu einer ernsten Linie. Draußen vor dem Fenster zog ein Lastkahn langsam die Trave hinab, begleitet von Möwen. Im Kamin knisterte ein kleines Feuer.

Nach zwanzig Minuten blätterte er die letzte Seite um. Er legte die Mappe vorsichtig auf den Tisch, nahm die Brille ab und rieb sich die Augen.

„Wie alt ist er?“, fragte er.

„Sechzehn.“

„Sechzehn.“

„Ja.“

„Er weiß, was ein Panel ist.“

„Er weiß mehr als das.“

„Er weiß, was Stille ist.“ Matthias lehnte sich zurück. „Das ist das Schwerste, Hanna. Ich hab Zeichner, die zwanzig Jahre arbeiten und es nicht lernen. Dass man ein Panel leer lassen kann. Dass man Licht nicht erklärt, sondern zeigt.“

„Ich weiß.“

„Wie heißt er?“

„Das sage ich dir nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil er es noch nicht weiß.“ Sie lächelte. „Er weiß nicht, dass es gut ist. Er weiß nicht, dass man davon leben könnte. Er weiß nur, dass er ohne es nicht schlafen kann.“

Matthias nickte langsam. „Das klingt nach einem echten Künstler.“

„Ich will ihm nichts versprechen. Ich will nur wissen, ob es einen Weg gibt.“

„Es gibt einen Weg.“

„Welchen?“

„Wenn er will.“ Er schob die Mappe zu ihr zurück. „Wenn er die Seiten fertig macht. Wenn er mir eine Geschichte schickt, die bis zum Ende erzählt ist. Wenn er bereit ist, sich zu zeigen.“

„Er ist noch nicht bereit.“

„Dann wartest du.“

„Ich warte.“

„Hanna.“ Matthias sah sie an, über den Rand des Tisches hinweg, mit den freundlichen, müden Augen eines Mannes, der zu viele Manuskripte gesehen hat, um sich noch leicht beeindrucken zu lassen. „Du magst diesen Jungen.“

„Er ist mein Schüler.“

„Das war keine Antwort.“

Sie zögerte. Sie dachte an einen Freitagnachmittag im Kunstraum, an einen Jungen mit gesenktem Kopf, der gesagt hatte: Ich glaube, ich weiß, wer es ist. Und ich weiß nicht, ob ich es wissen will. An ihre eigenen Hände, die ihm im Vorbeigehen die Schulter berührt hatten. An das Gefühl, jemanden zu sehen, der sich selbst nicht sah.

„Ich möchte, dass es ihm gelingt“, sagte sie. „Mehr als alles andere. Nicht, weil es ein Comic ist. Weil es ihm gehört.“

„Und weil du dich erinnerst.“

„Woran?“

„An dich selbst.“

Hanna lachte leise, ein bisschen überrascht. „Wie kommst du darauf?“

„Du hast mir einmal erzählt, dass du mit sechzehn eine Collage gemacht hast. Dass dein Vater sie verbrannt hat.“

Sie schwieg. Die Teekanne in Form einer Eule stand still auf dem Fensterbrett. Im Kamin fiel ein Scheit zusammen.

„Ja“, sagte sie schließlich. „Das stimmt.“

„Dann weißt du, was du tust.“

„Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, was ich nicht tun werde.“

„Und das wäre?“

„Ihn allein lassen.“

Matthias nickte, stand auf, ging zu einem Regal und zog ein dünnes, gebundenes Heft heraus. Er legte es auf die Mappe.

„Das ist eine Einreichungsrichtlinie“, sagte er. „Unser Programm. Wenn dein Junge so weit ist, schickt er mir das Ganze. Anonym, wenn er will. Ich werde es lesen, und ich werde ehrlich sein.“

„Danke.“

„Und noch etwas.“

„Ja?“

„Sag ihm von mir, dass die Stille das Beste ist.“

Sie nahm das Heft, steckte es in die Mappe, schloss sie sorgfältig. Dann stand sie auf und umarmte ihn, kurz und fest, wie man sich nach Jahren der Freundschaft umarmt: ohne Worte, mit dem ganzen Gewicht.

* * *

Auf dem Rückweg nach Warnholm war es schon dunkel.

Der Zug fuhr durch eine Nacht aus Nebel und fernen Lichtern. Hanna Ehlers saß am Fenster, die Mappe auf dem Schoß, und sah ihr eigenes Spiegelbild in der Scheibe: eine Frau Mitte fünfzig, mit grauen Locken und einem lila Schal, die ein bisschen müde aussah und ein bisschen glücklich.

Sie dachte an Finn. An sein Gesicht, wenn er das Wort Comic ausgesprochen hatte. An die Mischung aus Scham und Stolz, die darin gelegen hatte. An die Seite fünfunddreißig, die er vielleicht noch in dieser Nacht zeichnen würde und von der sie wusste, dass sie gut sein würde.

Warte, sagte sie zu sich selbst. Warte. Er kommt von allein.

Zu Hause in Warnholm wartete ihre Frau Ruth, mit einem Topf Linsensuppe und einer Zeitung, die sie nie fertig las. Sie würde fragen, wie es war. Und Hanna würde sagen: „Gut.“ Und Ruth würde nicken, mit diesem ruhigen, wissenden Blick, den sie seit dreißig Jahren hatte, und sagen: „Dann iss erst mal.“

Es war ein Leben, das Hanna sich nie hatte vorstellen können, als sie sechzehn war und ihr Vater ihre Collage ins Feuer geworfen hatte.

Es war ein Leben, das sie jedem Schüler wünschte, der in der letzten Reihe saß und nicht wusste, dass er etwas Besonderes war.

Der Zug fuhr in den Bahnhof von Warnholm ein. Die Türen öffneten sich zischend. Sie stieg aus, atmete die kalte Salzluft ein und zog den Schal fester.

Auf dem Bahnsteig blieb sie noch einen Moment stehen und blickte hinauf zu den Hügeln, wo irgendwo, in einem Fenster am Hafen, ein Junge saß und zeichnete.

Mach weiter, dachte sie. Mach einfach weiter.

Dann ging sie nach Hause.