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Kapitel 4: Der Heimweg

Illustration zu Kapitel 4

Am nächsten Morgen regnete es nicht mehr, aber der Himmel hing noch immer tief und grau über Warnholm, als hätte er vergessen, wie man sich wieder hebt.

Finn kam zehn Minuten zu spät. Zum ersten Mal in seinem Schulleben. Er hatte beim Frühstück zu lange in seinen Kaffee gestarrt, und seine Mutter hatte ihn nicht gedrängt, sondern nur wortlos ein zweites Brötchen auf seinen Teller gelegt.

Am Fahrradständer blieb er stehen. Dort, an seinem üblichen Platz ganz außen, lehnte ein fremdes Fahrrad. Ein altes, rotes Rennrad mit abgeblättertem Lack und einer Klingel, die jemand mit Isolierband festgeklebt hatte.

Und auf dem Sattel saß, mit baumelnden Beinen, Ben Kowalski.

„Hi“, sagte er.

Finn blieb stehen. „Du bist zu spät“, sagte er.

„Du auch.“

„Ich bin nie zu spät.“

„Ich auch nicht. Ich hab seit sieben Uhr hier gewartet.“

„Seit sieben?“

„Na ja. Fast.“ Ben rutschte vom Sattel und stellte sich vor ihn, ziemlich ungeschickt, mit hängenden Armen. „Ich wollte dich abfangen, bevor die Schule voll wird.“

Seine Haare standen in allen Richtungen ab. Unter seinen Augen lagen leichte Schatten, als hätte er nicht besonders gut geschlafen. Er sah aus wie jemand, der eine sehr lange Rede vorbereitet hatte und gerade jedes einzelne Wort davon vergaß.

„Ich muss was sagen“, begann er.

„Du musst nicht.“

„Doch. Muss ich.“ Er holte tief Luft. „Gestern. Im Kunstraum. Was ich zu Tobi gesagt habe. Das war … das war scheiße.“

Finn sah an ihm vorbei auf die Backsteinwand.

„Ich hab gesagt, es sei ein Schulprojekt“, fuhr Ben fort. „Als wär’s nichts. Als wärst du nichts. Und das stimmt nicht. Das stimmt überhaupt nicht. Ich hab’s nur gesagt, weil … weil ich ein Feigling bin.“

„Du bist kein Feigling.“

„Doch.“

„Ben.“

„Doch, bin ich. Ich hab genau gewusst, dass du da stehst. Ich hab’s gespürt. Und ich hab’s trotzdem gesagt.“ Er schluckte. „Ich weiß nicht, wie ich das wieder gut mache. Aber ich wollte, dass du weißt, dass ich’s weiß.“

Finn schwieg lange.

Ein Auto fuhr langsam die Straße entlang. Aus dem Schulhof drang Lachen und das Klappern von Fahrradschlössern. Alles ging weiter, wie immer. Nur sie beide standen da, zwei Menschen mit einem Loch zwischen sich, das keiner von ihnen zuzuschütten wusste.

„Weißt du“, sagte Finn schließlich leise, „ich hab schon schlimmere Dinge gehört.“

„Das macht’s nicht besser.“

„Nein.“ Er sah ihn zum ersten Mal an. „Aber es macht es auch nicht … unverzeihlich.“

Ben starrte ihn an, und etwas in seinem Gesicht entspannte sich so plötzlich, dass er fast ein bisschen schwankte.

„Heißt das …“

„Es heißt, dass ich dir zuhöre.“

„Okay.“ Ben nickte hastig. „Okay. Gut. Das ist … das ist mehr, als ich verdient hab.“

„Wahrscheinlich.“

„Wahrscheinlich?“

„Ich bin nicht so großzügig, wie ich aussehe.“

Und Ben, der gerade noch wie ein Häufchen Elend vor ihm gestanden hatte, lachte laut auf, erleichtert, überrascht, ein bisschen zu laut für einen Morgen vor der ersten Stunde.

* * *

Der Tag verging in einer seltsamen, vorsichtigen Stimmung. In Deutsch saßen sie nebeneinander und sprachen wenig. In Kunst arbeiteten sie am Plakat, und Ben achtete darauf, dass sein Arm nie mehr als vierzig Zentimeter von Finns entfernt lag. Das war, wie Finn bemerkte, eine akribische Höflichkeit. Fast rührend.

Tobi tauchte in der Mittagspause auf der Betonbank unter der Linde auf und warf Finn einen langen, abschätzenden Blick zu. Aber bevor er etwas sagen konnte, sagte Ben, ohne laut zu werden, ohne sich besonders aufzurichten:

„Lass es, Tobi.“

„Ich hab nichts gesagt.“

„Eben.“

Mehr war es nicht. Drei Wörter. Aber Tobi zuckte mit den Schultern, verdrehte die Augen und ging, und Finn saß noch eine Weile da, während sein Herz so heftig klopfte, dass er dachte, man müsse es hören.

„Danke“, flüsterte er später in der Pause zu Lotte, die ihn mit offenem Mund angestarrt hatte.

„Wofür?“

„Dafür, dass du nichts gesagt hast.“

„Ich hab versucht, nichts zu sagen“, murmelte Lotte. „Aber ich glaube, ich platze gleich.“

„Dann platz leise.“

* * *

Nach der letzten Stunde wartete Ben wieder am Fahrradständer.

„Ich hab mir überlegt“, sagte er, „dass ich dich heimbringe.“

„Ich wohne am Hafen. Du wohnst oben bei den Neubauten.“

„Ich weiß.“

„Das sind zwei völlig verschiedene Richtungen.“

„Ich weiß.“

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Ich dachte, ich fahr einfach ein Stück mit.“

Finn musterte ihn. Ben sah ihn an wie ein Hund, der darauf wartet, ob er mit zum Spaziergang darf, und gleichzeitig versucht, nicht zu hoffnungsvoll auszusehen.

„Okay“, sagte er. „Aber wenn du mir was über Handball erzählst, schmeiß ich dich in den Kanal.“

„Ich erzähl dir nichts über Handball.“

„Versprochen?“

„Ich schwör.“

Zehn Minuten später rollten sie nebeneinander durch die Nebenstraßen von Warnholm, an Backsteinhäusern vorbei, an denen Hortensien in müden Blautönen hingen. Der Himmel hatte sich ein wenig aufgehellt. Im Westen, hinter den Dächern, schimmerte ein dünner Streifen Silber.

Sie sprachen kaum. Ben hatte nicht gelogen: Er erzählte tatsächlich nichts über Handball. Stattdessen zeigte er auf Dinge, die er unterwegs sah. Eine Katze auf einer Mauer. Ein Mann, der im Vorgarten mit einem riesigen Gummibaum diskutierte. Ein Straßenschild, auf dem jemand mit Kreide Moin geschrieben hatte.

„Du siehst viel“, sagte Finn nach einer Weile.

„Wie meinst du?“

„Die meisten Leute fahren durch die Stadt und sehen nichts. Du siehst alles.“

„Ich glaub, das ist ansteckend“, sagte Ben. „Seit ich neben dir sitze, sehe ich plötzlich Sachen. Fensterrahmen. Schatten. Wie Licht auf Wasser liegt.“

Finn trat ein wenig fester in die Pedale, damit niemand sah, dass sein Gesicht heiß wurde.

* * *

Am Deich, kurz vor dem Hafen, riss der Himmel plötzlich auf.

Es begann mit einem einzigen dicken Tropfen auf Finns Nase. Dann kamen zwei, drei, zehn. Binnen Sekunden schüttete es, als hätte jemand oben einen Eimer umgekippt.

„Scheiße!“, rief Ben.

„Unterstand! Da vorne!“

Sie traten wild in die Pedale. Am Deichweg stand eine alte Bushaltestelle aus Holz, schief und moosbewachsen, die seit Jahren nicht mehr bedient wurde. Sie schmissen ihre Räder gegen die Wand und sprangen in die Nische, klatschnass, lachend, außer Atem.

„Das war’s mit meinen Haaren“, keuchte Ben.

„Deine Haare waren schon vorher nicht zu retten.“

„Das war ein Angriff.“

„Das war eine Feststellung.“

Sie standen eng beieinander, weil die Bank nur für zwei Leute gebaut war und sie beide bis zu den Knöcheln nass waren. Der Regen trommelte aufs Dach, und von allen Seiten stieg der Geruch von nassem Gras und Salz auf. Ein Windstoß brachte kalte Tropfen hinein. Finn zitterte kurz.

„Dir ist kalt.“

„Nein.“

„Doch.“

„Ein bisschen.“

Ben zog wortlos seine Jacke aus, eine dicke, dunkelgrüne Jacke mit dem Logo des Handballvereins am Ärmel, und legte sie Finn um die Schultern.

„Ben, das musst du nicht …“

„Ich weiß, dass ich nicht muss.“

„Dir wird kalt.“

„Mir ist nie kalt. Ich bin ein Kachelofen.“

Die Jacke war warm und schwer und roch nach ihm. Finn zog sie enger um sich. Es war ein seltsam geschütztes Gefühl, als hätte jemand eine kleine Hütte um ihn herum gebaut.

Eine Weile sagten sie nichts. Der Regen fiel. Draußen, weit hinten, blinkte ein einzelnes Licht auf der Mole: ein roter, winziger Punkt.

„Darf ich dich was fragen?“, sagte Ben.

„Kommt drauf an.“

„Wegen gestern. Wegen … was Tobi gesagt hat.“

Finns Magen zog sich zusammen. „Ben …“

„Ich will nur wissen, ob du … ob das stimmt. Dass es da was gab. Letzten Winter.“

Finn blickte auf seine Hände.

Er hätte lügen können. Er hätte sagen können, es sei nichts gewesen, nur Gerede. Er hatte in den letzten Monaten ein halbes Dutzend Sätze eingeübt, mit denen man dieses Gespräch abwürgen konnte.

Aber er hörte sich sagen: „Ja.“

„Okay.“

„Ich war mit jemandem zusammen. Mit einem Jungen. Marlon. Er war in der Zwölften.“

„Und dann?“

„Und dann hat er ein Foto von uns herumgeschickt.“ Finn zwang seine Stimme, gleichmäßig zu bleiben. „Er hat gesagt, es sei ein Scherz gewesen. Dass er nicht gedacht hätte, dass es jemand ernst nimmt. Dann hat er aufgehört, mit mir zu reden.“

Er spürte, wie Ben sich neben ihm verspannte.

„Das ist … das ist so …“

„Ja.“

„Das ist so beschissen.“

„Ja.“

„Wer macht so was?“

„Leute, die Angst haben“, sagte Finn schlicht. „Und Leute, die denken, sie können sich das leisten.“

Ben schwieg. Er hatte die Fäuste leicht geballt, was Finn in den Augenwinkeln sah, aber die Wut in seinem Gesicht war nicht die laute, hitzige Art. Sie war leise. Fokussiert. Eine Wut, die schon wusste, dass sie nichts ausrichten würde, und sich trotzdem nicht legen wollte.

„Es tut mir leid“, sagte er.

„Du hast nichts getan.“

„Ich war gestern dabei.“

„Ben.“

„Ich meine das ernst.“ Er drehte sich zu ihm. „Ich war gestern ein Teil davon. Von dem Lachen. Obwohl ich nicht gelacht hab. Wer nichts sagt, lacht mit.“

Finn sah ihn an, und etwas in seinem Hals wurde eng.

Niemand hatte ihm je gesagt, dass jemand mitlachen konnte, ohne zu lachen. Niemand hatte je so klar benannt, was in seinem Brustkorb saß wie ein Splitter.

„Danke“, sagte er, und es kam leiser heraus, als er wollte.

„Wofür?“

„Dass du’s weißt.“

Sie standen eine ganze Weile so da. Der Regen ließ nach, tropfte nur noch träge vom Dachrand. Und plötzlich, ganz langsam, begann die Luft zu leuchten. Ein breiter Streifen Sonne brach durch die Wolkendecke, fiel schräg über das Watt und tauchte die ganze Landschaft in warmes, goldenes Licht.

„Schau“, sagte Ben.

Draußen auf dem Wasser, weit hinter der Mole, spannte sich ein Regenbogen von Küste zu Küste. Nicht perfekt. Etwas verwaschen. Aber da.

Finn sah ihn an, diesen Bogen, und wollte ihn sofort zeichnen. Er wollte die Linien festhalten, die Farben, den Moment. Doch dann merkte er, dass er gar nicht auf den Regenbogen sah.

Er sah auf Ben.

Und Ben sah auf ihn.

„Das ist“, sagte Ben, sehr leise, „ziemlich schön.“

„Ja“, sagte Finn. „Ist es.“

Keiner von beiden meinte den Regenbogen.

* * *

Als sie den Hafen erreichten, standen die Boote still im Becken, vom Regen blank gewaschen. Die Möwen saßen aufgereiht auf den Pollern und schüttelten sich. Ein paar Kinder rannten mit Gummistiefeln durch die Pfützen.

Finn schob sein Rad vor die Räucherei und drehte sich zu Ben um, der unschlüssig auf seinem Sattel balancierte.

„Wir sind da“, sagte er.

„Ja.“

„Danke fürs Mitfahren.“

„Ich hab fast nichts gemacht.“

„Du hast mir deine Jacke gegeben.“

„Stimmt.“ Ben lächelte. „Behalt sie ruhig.“

„Nein, das … das geht nicht.“

„Doch. Bring sie mir morgen wieder. Dann hast du einen Grund, mich zu sehen.“

Er hatte es lässig sagen wollen. Das merkte man. Aber seine Stimme kippte beim letzten Wort, und seine Ohren färbten sich dunkelrot.

Finn starrte ihn an.

„Ich … ich meinte nicht … ich meinte nur, wegen der Jacke, du musst nicht …“

„Okay“, sagte Finn.

„Okay?“

„Ich bring sie dir morgen.“

„Cool.“ Ben nickte hastig. „Cool, cool, cool.“

Sie standen noch einen Atemzug lang so da. Dann klappte die Tür der Räucherei auf, und Jörg Albrecht trat heraus, in Gummistiefeln und mit einem Eimer Eis in der Hand. Er musterte die beiden Jungen mit dem Ausdruck eines Mannes, der sehr viel sieht und sehr wenig sagt.

„Moin“, sagte er.

„Moin“, sagte Ben. Ein wenig zu laut.

„Du bist nass.“

„Ja.“

„Komm rein. Ich hab Tee.“

„Nein, danke, ich muss …“

„Ich hab auch Fisch.“

Ben blickte Finn an. Finn zuckte hilflos mit den Schultern.

„Beim nächsten Mal“, sagte Ben. „Versprochen.“

„Ich halt dich dran fest“, sagte Jörg, drückte ihm ein in Papier eingewickeltes Päckchen in die Hand und verschwand wieder in der Räucherei.

Ben hielt das Päckchen verblüfft vor sich. Es war ein Räucherlachs-Brötchen, noch warm.

„Dein Vater ist … nett“, sagte er.

„Er ist ein Mensch, der mit Fischen redet“, sagte Finn. „Er ist nett, wenn man ihn lässt.“

„Ich mag ihn.“

„Er mag dich auch. Sonst hätte er dir kein Brötchen gegeben.“

„Das ist ein Qualitätsmerkmal?“

„Das höchste.“

Ben lachte, schwang sich auf sein Rad und fuhr los. Nach ein paar Metern drehte er sich um, hob die Hand zu einem unsicheren Winken und stieß dabei fast mit einem Poller zusammen.

Finn blieb stehen und sah ihm nach, bis das rote Rennrad hinter einer Hausecke verschwand.

* * *

Oben im ersten Stock, hinter der Gardine des Küchenfensters, hatte jemand die ganze Szene beobachtet.

Pia Albrecht, zwölf Jahre alt, die Nase flach gegen die Scheibe gedrückt, grinste zufrieden und hielt einen Daumen in die Luft.

Als Finn schließlich in die Küche kam, tropfnass und mit einer fremden Jacke über den Schultern, sah sie nicht einmal von ihrem Buch auf.

„Ein sehr wichtiges Plakat“, sagte sie trocken.

„Halt den Mund.“

„Ich sag nichts.“

„Du sagst gerade was.“

„Ich bin ein Gespenst.“ Sie blätterte um. „Ich bin gar nicht da.“

Finn warf ihr ein Geschirrtuch an den Kopf und ging die Treppe hoch, die Jacke fest an sich gedrückt, mit einem Lächeln im Gesicht, das er nicht verstecken konnte und nicht verstecken wollte.

Oben in seinem Zimmer legte er die Jacke über den Stuhl und setzte sich aufs Bett.

Er wollte zeichnen. Er wusste nicht was. Er schlug das Skizzenbuch auf, und seine Hand begann zu arbeiten, ganz von selbst: ein Mann, der unter einem Vordach steht. Neben ihm ein zweiter. Zwischen ihnen ein Regenbogen, der im Panel nur halb zu sehen war.

Erst als er fertig war, bemerkte er, dass er Anselm gezeichnet hatte. Und dass der zweite Mann das Gesicht von jemandem trug, den er gerade erst kennengelernt hatte.

Er klappte das Buch zu, ganz schnell, wie man ein Fenster zuschlägt.

Dann lächelte er doch wieder.