
Die ersten Entwürfe für die Sturmnacht-Plakate entstanden in der zweiten Septemberwoche, und sie sahen furchtbar aus.
„Das ist ein Hai“, sagte Ben und hielt das Blatt auf Armeslänge von sich weg.
„Das ist ein Boot.“
„Das Boot sieht aus wie ein Hai.“
„Du hast das Boot gezeichnet.“
„Ach so.“ Ben betrachtete seine eigene Arbeit mit ehrlichem Erstaunen. „Dann ist es ein Hai.“
Finn musste sich die Hand vor den Mund halten, um nicht laut loszulachen. Sie saßen im Kunstraum, an dem großen Tisch am Fenster, den Frau Dr. Ehlers ihnen als Arbeitsplatz zugewiesen hatte. Es war kurz nach vier. Die meisten anderen Gruppen waren schon gegangen, nur in der Ecke diskutierten zwei Mädchen aus der Zwölften leidenschaftlich über Farbverläufe. Das Licht fiel in schrägen, goldenen Bahnen durch die Dachfenster und tauchte den Staub in der Luft in ein Schimmern, als hätte jemand Glitzer verstreut.
Auf dem Tisch lagen Skizzenpapier, Bleistifte in allen Härtegraden, ein Lineal, ein halb aufgegessenes Sandwich (Bens) und ein Becher mit Pinseln, die nach altem Wasser rochen.
„Wir müssen einen Maßstab festlegen“, sagte Finn und zog das Lineal heran. „Das Plakat soll A1 werden. Also fünfundachtzig mal sechzig Zentimeter. Wenn wir den Leuchtturm in der Mitte platzieren, brauchen wir …“
„Warte, warte.“ Ben hob die Hände. „Du redest wie jemand, der das schon oft gemacht hat.“
„Ich habe es schon oft gemacht.“
„Das merk ich. Ich fühle mich sehr dumm.“
„Du bist nicht dumm.“
„Ich bin nur nicht … komm, zeig mal, wie das geht. Ich lerne schnell, wenn ich’s sehe.“
Es klang so selbstverständlich, so ohne jeden Stolz, dass Finn für einen Moment keine Antwort fand. Er war es nicht gewohnt, dass jemand zugab, etwas nicht zu können, und gleichzeitig so offen darum bat, es gezeigt zu bekommen. Die meisten Leute, die er kannte, taten entweder so, als wüssten sie alles, oder als sei es ihnen egal.
„Okay“, sagte er. „Rutsch ein Stück rüber.“
Ben rückte mit dem Stuhl näher.
Finn legte das Lineal auf das Papier. „Wir fangen mit den Proportionen an. Der Leuchtturm ist das Zentrum, also messen wir erst die Mitte ab. Dreißig Zentimeter von links, dreißig von rechts. Dann …“
Er hielt inne.
Denn Ben hatte sich nach vorn gebeugt, um besser zu sehen, und sein Arm lag nun neben Finns auf dem Tisch. Nicht berührend. Nur nahe. Der Abstand zwischen ihren Schultern betrug höchstens dreißig Zentimeter, und plötzlich schien dieser Abstand die einzige Zahl der Welt zu sein, die zählte.
Er roch nach Seife und Sportbeutel und, ganz leise, nach etwas, das Finn nicht benennen konnte. Sonne vielleicht. Oder Zitrone.
„Was kommt dann?“, fragte Ben.
„Dann …“ Finn räusperte sich. „Dann zeichnen wir eine Hilfslinie.“
„Eine Hilfslinie.“
„Damit der Turm gerade steht.“
„Verstanden.“
Er zog die Linie. Seine Hand war ruhig, was ihn ein wenig wunderte. Die Linie war lang und schlank und genau dort, wo sie sein sollte.
„Wow“, sagte Ben leise. „Das sieht aus, als hättest du das schon dein ganzes Leben gemacht.“
„Hab ich fast.“
„Sag mal, wie hast du das gelernt?“
„Ich weiß nicht. Es hat sich einfach … ergeben. Ich hab als Kind immer gezeichnet, wenn ich nervös war. Und ich war oft nervös.“
„Warum?“
Finn sah auf. Ben schaute ihn an, ohne Neugierde im schlechten Sinne, nur wach, wie jemand, der ernsthaft wissen wollte, was die Antwort war.
„Weil ich … anders war“, sagte Finn. Es war ihm schneller herausgerutscht, als er es hatte kontrollieren wollen.
„Anders wie?“
„Weiß nicht. Leiser. Mehr in meinem Kopf.“
„Das ist nicht schlimm.“
„Manchmal schon.“
Ben nickte langsam, als nehme er die Antwort mit beiden Händen entgegen. „Ich war als Kind zu laut“, sagte er. „Meine Mutter hat immer gesagt, ich sei ein Blasebalg mit Beinen. Ich hab mich ständig geschämt.“
„Wirklich?“
„Ja.“ Er grinste schief. „Später habe ich dann Handball angefangen, und da durfte ich laut sein. Das war wie ein Schalter. Plötzlich war es gut.“
„Das ist schön.“
„Und bei dir ist es das Zeichnen.“
Finn senkte den Blick. „Vielleicht.“
„Ganz sicher.“
Es war ein einfacher Satz. Aber Finn spürte, wie er sich irgendwo tief unter seinen Rippen niederließ wie ein Stein im Wasser: schwer, ruhig, endgültig.
* * *
Sie arbeiteten eine Stunde lang. Finn zeichnete den Leuchtturm in feinen Linien, und Ben, erstaunlich geschickt für jemanden, der sich als Zeichenversager bezeichnete, übernahm die Wellen. Er hatte eine seltsame Technik: Er malte sie mit großen, schwungvollen Bewegungen aus dem ganzen Arm, wie ein Dirigent, und das Ergebnis war überraschend lebendig. Nicht präzise, aber voller Kraft.
„Das ist gut“, sagte Finn.
„Wirklich?“
„Ja. Es hat Bewegung. Bei mir sind die Wellen immer so … ordentlich.“
„Dafür sind deine echt.“
„Meine sind brav.“
„Meine sind wild.“
„Und zusammen?“
„Zusammen“, sagte Ben, „sind sie vermutlich ein Meer.“
Finn lachte. Schon wieder. Und dieses Mal tat es nicht mehr weh in der Kehle.
Sie fingen an, Farben auszuprobieren. Ben griff nach einem Pinsel und tunkte ihn in ein Glas mit Preußischblau, und als er das Papier berührte, tropfte ein kleiner Klecks aus der Borste und landete direkt auf seiner Nasenspitze.
„Ups.“
„Du hast …“
„Ich weiß.“
„Du hast Farbe …“
„Ich weiß, Finn.“
„Sie ist genau auf der …“
„Hör auf zu reden und hilf mir.“
Finn zog ein Tuch aus der Tasche und beugte sich vor, um den Fleck abzuwischen, ohne weiter nachzudenken, so wie man einem Kind ein Stück Schokolade vom Mundwinkel wischt. Erst als er die Spitze von Bens Nase mit dem Stoff berührte und Ben vollkommen still wurde, bemerkte er, wie nahe er ihm war.
Zehn Zentimeter, vielleicht. Weniger.
Er sah die einzelnen Sommersprossen auf Bens Nasenrücken. Er sah die winzige Narbe über der Augenbraue. Er sah, wie Bens Augen sich ein wenig weiteten, und wie der Blick von Finns Gesicht zu seinem Mund wanderte und rasch zurück, als sei er bei etwas Verbotenem erwischt worden.
Keiner von beiden atmete.
„Danke“, sagte Ben. Seine Stimme klang rau.
„Gern.“
„Ist … ist es weg?“
„Fast.“
„Fast?“
„Du hast noch einen blauen Punkt.“
„Das ist mein Beauty-Spot.“
„Du siehst aus wie ein Clown.“
„Ein hübscher Clown.“
Finn zog die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt. „Ich muss … Wasser holen“, murmelte er. „Für die Pinsel.“
„Ja. Gut. Mach das.“
Er stand auf, viel zu schnell, und stieß mit dem Knie gegen den Tisch. Die Pinsel klirrten im Becher. Ben sah ihm nach, als er zum Waschbecken ging, und für einen langen Moment saß er einfach nur da, das Tuch noch in der Hand, und versuchte zu begreifen, warum seine Handfläche brannte, obwohl sie nichts berührt hatte.
* * *
Am Waschbecken ließ Finn kaltes Wasser über seine Hände laufen.
Reiß dich zusammen, dachte er. Es ist ein Fleck. Du hast einen Fleck abgewischt. Das ist nichts.
Aber sein Herz schlug wie ein kleiner Vogel gegen einen Fensterrahmen, und der Spiegel über dem Waschbecken zeigte ihm ein Gesicht, das er kaum kannte: gerötet, die Augen zu hell, der Mund einen Hauch zu weich.
Er kannte dieses Gesicht. Er hatte es im November gesehen, an einem Abend, an dem er noch geglaubt hatte, dass jemand sein Vertrauen verdiente.
Nein, dachte er. Nicht noch mal.
Er drehte den Hahn zu. Er trocknete die Hände. Er atmete tief ein.
Und dann hörte er die Stimmen im Flur.
„… sag ich ja. Der Kowalski hängt neuerdings mit dem Albrecht ab. Ist dir das aufgefallen?“
Eine Stimme, die er kannte. Glatt, belustigt, mit dem leichten Zischen am Ende der Wörter, das man bei Menschen hört, die gern über andere reden.
Tobias Raake. Rückraum links, Bens Mannschaftskamerad, Spezialist für spöttische Bemerkungen mit freundlichem Gesichtsausdruck.
„Na und?“, sagte eine zweite Stimme.
„Na, Albrecht. Der Typ, der letztes Jahr, du weißt schon …“
„Was?“
„Na, der mit dem Foto.“
Finn erstarrte. Ihm wurde heiß und gleichzeitig kalt, als hätte jemand ihm einen Eimer Eiswasser über den Kopf gekippt und dabei eine Heizung angeschaltet.
„Ach, der“, sagte die zweite Stimme. „Der Schwule.“
„Genau.“
„Was ist mit dem?“
„Gar nichts. Ich dachte nur: Wenn Ben mit dem Plakat macht … Komisch, oder? Ausgerechnet der.“
Ein kleines, hässliches Lachen.
Finn stand wie festgefroren im Türrahmen des Waschraums. Seine Hand klammerte sich am Handtuchspender fest. Er wollte weglaufen. Er wollte schreien. Er wollte sich unsichtbar machen, schrumpfen, in den Boden sickern.
Und dann hörte er Bens Stimme.
Sie kam aus dem Kunstraum, nur wenige Meter entfernt.
„Tobi?“
„Hey, Ben. Wir wollten gerade …“
„Was macht ihr hier?“
„Nichts. Wir wollten dich abholen. Training.“
„Ich komme gleich.“
„Alles klar. Ich meinte nur: Die Leute reden schon, weißt du? Du und der Kunstfreak.“
Die Pause, die jetzt folgte, war so lang, dass Finn sie fast greifen konnte. Er hörte seinen eigenen Pulsschlag in den Ohren. Er hörte das Ticken der Uhr über der Tür. Er hörte, wie draußen ein Fahrrad klingelte und irgendwo im Gebäude eine Tür zufiel.
Sag etwas, dachte er. Bitte.
„Das ist ein Schulprojekt“, sagte Ben schließlich.
Seine Stimme klang seltsam. Dünn. Als sei etwas darin gerissen.
„Klar, klar“, sagte Tobi, immer noch amüsiert. „War ja nur ein Witz.“
„Ja.“
„Bis später dann.“
„Ja.“
Schritte entfernten sich. Dann Stille.
Finn stand noch immer im Waschraum, mit gesenktem Kopf, und merkte, dass seine Augen brannten. Es war nicht einmal Traurigkeit. Es war etwas Älteres. Etwas Müdes. Ein Gefühl, das er seit dem Winter kannte: das Wissen, dass er sich geirrt hatte, dass er sich wieder geirrt hatte, dass er sich immer wieder irren würde.
Ein Schulprojekt.
Natürlich.
* * *
Ben erwartete ihn, als er zurück an den Tisch kam. Er saß da, das Tuch zerknüllt in der Hand, die Schultern leicht nach vorn gebeugt, und als er aufsah, wusste Finn sofort, dass er alles gehört hatte, was gesagt worden war.
„Finn“, sagte Ben. „Ich …“
„Schon gut.“
„Nein, ich wollte …“
„Wirklich, es ist okay.“ Finn packte seine Bleistifte zusammen, die Hände steif wie Holz. „Ich muss los. Meine Mutter braucht mich im Laden.“
„Finn, bitte.“
„Wir sehen uns morgen.“
„Warte …“
Er blieb nicht stehen. Er nahm seinen Rucksack, ging zur Tür, öffnete sie und hörte hinter sich noch einmal seinen Namen. Nicht laut. Eher wie ein Atemzug.
Dann zog er die Tür hinter sich zu.
* * *
Draußen hatte es zu regnen begonnen.
Ein dichter, kühler Septemberregen, der in Schnüren vom Himmel fiel und den Schulhof in ein silbernes Blech verwandelte. Finn blieb unter dem Vordach stehen und starrte auf die Pfützen, in denen sich die grauen Wolken spiegelten.
Er hätte wütend sein sollen. Er war es nicht. Er war nur sehr, sehr leer.
Es ist nicht seine Schuld, sagte er sich. Er hat nichts Falsches gesagt. Er hat nur … nichts Richtiges gesagt.
Aber das war genau der Unterschied, den er nicht verzeihen konnte: der Unterschied zwischen nichts Falschem und etwas Richtigem.
Er zog die Kapuze über, schloss das Fahrradschloss auf und fuhr los, schnell, mit gesenktem Kopf, durch den Regen.
* * *
Ben stand lange allein im Kunstraum.
Die Tür war zugefallen. Der Lärm der anderen Gruppen war längst verklungen. Nur der Regen trommelte gegen die Dachfenster, ein leises, gleichmäßiges Tippen.
Auf dem Tisch lag der Entwurf. Ein Leuchtturm in feinen, schlanken Linien. Zu seinen Füßen schlugen wilde, blaue Wellen gegen die Klippen.
Zwei Handschriften auf einem Blatt.
Ben starrte darauf, und etwas in seiner Brust zog sich zusammen, als hätte jemand eine Schnur angezogen.
Das ist ein Schulprojekt.
Er hatte es gesagt. Mit seiner eigenen Stimme. Obwohl er genau gewusst hatte, dass Finn in der Tür stand. Er hatte es gespürt, so wie man spürt, dass jemand hinter einem im Raum steht.
Warum hatte er das gesagt?
Er wusste es. Natürlich wusste er es. Weil Tobi gelacht hatte. Weil das Lachen gewartet hatte wie ein Schatten, der an einer Wand klebte. Weil er sieben Jahre lang gelernt hatte, wie man kein Thema für ein Lachen wird.
Und weil er, tief unten, noch nicht wusste, was er in sich selbst gefunden hatte.
Er legte die Stirn auf die Tischplatte. Das Holz war kühl und roch nach Farbe.
„Du Idiot“, sagte er in den leeren Raum. „Du Idiot.“
Draußen fiel der Regen weiter. Ben saß da, eine Stunde lang, bis die Hausmeisterin ihn schließlich entdeckte und freundlich bat, den Raum zu verlassen.
* * *
Am Abend lag Finn in seinem Zimmer und starrte an die Leuchtstern-Aufkleber. Seine Mutter hatte nach dem Essen nichts gesagt, nur Tee gebracht und ihm kurz über den Kopf gestrichen. Sein Vater hatte ein Stück Schokolade neben die Tasse gelegt.
Das Handy lag neben ihm. Er schaltete es an und aus, an und aus.
Dann öffnete er die Seite.
Eine neue Nachricht von halbzeit_17.
Ich hab heute etwas getan, worauf ich nicht stolz bin. Ich weiß nicht, ob man das jemandem schreiben kann, den man nicht kennt. Aber ich dachte: Wenn Anselm einen Brief in eine Flasche steckt, dann darf ich das auch.
Finn las ihn einmal, zweimal.
Ich habe jemanden im Stich gelassen. Nicht mit Absicht. Aber es war trotzdem falsch. Ich weiß nicht, wie man das wieder gut macht.
Finns Finger zitterten leicht über dem Bildschirm.
Er dachte an ein Gesicht in der Tür. An eine Stimme, die dünn geworden war. An zwei Handschriften auf einem Blatt Papier.
Nein, dachte er. Das kann nicht sein.
Aber ein Teil von ihm, ein kleiner, leiser Teil, der sich nie ganz vom Hoffen verabschiedet hatte, flüsterte: Und wenn doch?
Er schrieb zurück. Nur ein Satz. Er löschte ihn dreimal, bis er stimmte.
Manchmal kommt man wieder gut, indem man bleibt.
Dann legte er das Handy weg, drehte sich zur Wand und ließ den Regen gegen das Fenster klopfen, bis er endlich einschlief.