2 von 23

Kapitel 2: Briefe in Flaschen

Illustration zu Kapitel 2

Am Samstagmorgen roch die Räucherei nach Buchenholz und Heilbutt.

Finn stand in einer Schürze, die ihm zu groß war, an der langen Edelstahlbank und befestigte kleine Etiketten an Fischpäckchen. Geräucherter Lachs, 200 g. Albrecht am Hafen, seit 1974. Das Ritual war so alt wie seine Erinnerung: samstags half er seinem Vater, dafür bekam er zwanzig Euro und ein Fischbrötchen mit extra Zwiebeln, das er vor der Welt verteidigte wie ein Löwe seine Beute.

„Bisschen gerader“, sagte Jörg Albrecht, ohne aufzusehen. „Der Kunde soll nicht denken, wir hätten den Fisch im Schlaf eingepackt.“

„Wir haben ihn im Halbschlaf eingepackt.“

„Aber das muss er ja nicht wissen.“

Draußen vor dem Fenster zog ein Fischkutter langsam durch das Hafenbecken, begleitet von drei Möwen, die ihn mit Rufen verfolgten wie eine kleine, gefiederte Eskorte. Ein Morgen aus Metall und Wasser, grau-blau, mit einem Streifen Gold am Horizont.

Sein Vater schwieg, wie er meistens schwieg. Er war kein Mann vieler Worte, aber er hatte eine Art, Dinge zu sagen, indem er sie tat. Wenn Finn schlecht geschlafen hatte, lag am Morgen ein Stück Schokolade neben seiner Tasse. Wenn Finn aus der Schule kam und niemand fragte, wie es gewesen war, merkte er trotzdem, dass jemand gewartet hatte.

„Der Junge, der gestern angerufen hat“, sagte Jörg plötzlich.

„Welcher Junge?“

„Für Pia. Irgendwer aus ihrer Klasse. Ich hab gesagt, sie kommt später.“

„Ach so.“

„Ich dachte, vielleicht wär’s für dich.“

Finn hielt mitten in der Bewegung inne. „Für … mich?“

„Nur so.“ Sein Vater hob die Schultern. „Ich wollte nur sagen: Wenn mal einer anruft, der nett ist, dann darfst du ihn mitbringen. Dass das klar ist.“

Es war nicht viel. Ein Satz, so beiläufig gesagt wie das Wetter. Aber Finn musste sich plötzlich sehr auf die Etiketten konzentrieren, damit seine Augen nicht verschwammen.

„Okay“, sagte er.

„Gut.“

Sein Vater klopfte ihm zweimal auf die Schulter, ungeschickt, wie man einem Hund auf den Kopf klopft, und ging zum Räucherofen. Das war das ganze Gespräch. Und es war genug.

* * *

Gegen Mittag kam Lotte. Sie schob die Tür der Räucherei auf, ließ eine Wolke von Herbstluft hinein und rief quer durch den Raum: „Herr Albrecht, ich möchte Ihren Sohn entführen, in einer ausschließlich legalen Weise!“

„Nur wenn Sie ihn vor dem Abendbrot zurückbringen“, sagte Jörg gelassen. „Und wenn Sie ein Brötchen mitnehmen.“

„Das ist Erpressung.“

„Das ist Gastfreundschaft.“

Lotte nahm das Brötchen.

Sie gingen den Deich entlang, Richtung Westen, wo der Hafen in Salzwiesen überging und der Himmel plötzlich viel größer wurde. Der Wind blies in kleinen, harten Böen. Lotte hielt ihre Haare mit einer Hand fest und aß mit der anderen, was ihr nur gelang, weil sie darin Übung hatte.

„Okay“, sagte sie schließlich. „Ich halte es nicht länger aus. Ich muss es wissen.“

„Was denn?“

„Wie läuft das Plakat?“

„Wir haben noch nichts angefangen.“

„Und Ben?“

„Ben ist … Ben.“

„Das ist keine Information.“

Finn blieb stehen und sah über die Salzwiesen, wo Hunderte von Graugänsen im niedrigen Gras standen und sich von nichts beeindrucken ließen. „Er hat mir seine Wasserflasche gegeben“, sagte er schließlich.

„Das klingt nach einem Heiratsantrag.“

„Lotte.“

„Entschuldigung. Mach weiter.“

„Es ist … er hat nichts gefragt. Er hat einfach die Flasche rübergeschoben. Als hätte er gesehen, dass ich Wasser brauche, bevor ich es selbst gewusst habe.“

Lotte schwieg einen Moment. Dann sagte sie, auf eine für sie erstaunlich leise Art: „Das ist ja auch eine ziemlich gute Eigenschaft.“

„Ja.“

„Und du hast Angst davor.“

„Ich hab Angst vor allem, das nett ist“, sagte Finn und lachte kurz, ohne dass es nach Lachen klang. „Das ist mein Hauptproblem.“

Sie gingen weiter. Hinter ihnen im Hafen schlug jemand mit einem Hammer auf Metall, und der Ton rollte über das Wasser, lange und dumpf, wie eine Glocke aus einer anderen Zeit.

„Hat Frau Ehlers noch was gesagt?“, fragte Lotte nach einer Weile. „Wegen des Comics?“

„Nein.“

„Wird sie’s herausfinden?“

„Ich glaube, sie weiß es schon. Sie wartet nur.“

„Worauf?“

„Dass ich’s ihr sage.“

„Und wirst du?“

Finn zuckte mit den Schultern. „Ich habe siebenhundertvierzig Follower, Lotte. Ich bin keine Berühmtheit. Ich bin ein Typ aus der Räucherei mit einem Stift.“

„Du bist ein Typ aus der Räucherei, dessen Comic jede Woche von Leuten gelesen wird, die sich dadurch weniger allein fühlen“, sagte Lotte. „Das ist ein Unterschied.“

Er antwortete nicht. Aber als sie später am Strand ankamen, lehnte er sich kurz an ihre Schulter, und sie ließ ihn, ohne ein Wort zu verlieren.

* * *

Leuchtturm, Seite 1.

Das war der Anfang von allem gewesen. Im Januar, an einem Abend, an dem Finn nicht schlafen konnte, weil jedes Mal, wenn er die Augen schloss, ein Gesicht auftauchte, das er nie wieder sehen wollte. Er hatte das Skizzenbuch aufgeschlagen, und seine Hand hatte ohne sein Zutun einen Turm gezeichnet, schmal und hoch, am Rand einer zerklüfteten Küste. Oben ein Licht. Unten ein Mann.

Anselm, Leuchtturmwärter. Fünfzig Jahre alt, Wollmütze, Pfeife, die er nie anzündete. Er wohnte allein im Turm und kümmerte sich um das Licht, damit Schiffe nicht an den Felsen zerschellten. Er sprach mit niemandem, weil niemand da war. Sein einziger Besuch war das Meer.

Und eines Morgens, nach einem Sturm, fand er am Fuß des Turms eine Flasche.

Darin ein Brief.

Lieber Unbekannter, stand darin. Ich weiß nicht, wer du bist, und du weißt nicht, wer ich bin. Aber ich dachte: Wenn jemand ein Licht anmacht, dann wartet vielleicht jemand darauf, dass es jemandem leuchtet.

Kein Absender. Kein Name. Nur eine Handschrift, die ein bisschen zitterte.

Anselm las den Brief dreimal. Dann saß er den ganzen Tag lang am Fenster und wusste nicht, was er fühlen sollte.

Am nächsten Tag schrieb er zurück.

So hatte es angefangen: ein Briefwechsel zwischen zwei Menschen, die sich nie gesehen hatten. Der eine am Meer, der andere irgendwo dahinter. Jede Seite des Comics zeigte einen neuen Brief, eine neue Flasche, ein neues Stück Licht in der Dunkelheit.

Finn hatte nie geplant, dass es etwas werden würde. Er hatte nur versucht, nicht unterzugehen.

Und jetzt, im September, wartete jede Woche eine kleine Gemeinde von Menschen darauf, dass Anselm den nächsten Brief las.

* * *

„Ich versteh nicht, was mit mir los ist“, sagte Ben.

Es war Samstagabend, kurz nach acht, und Ben saß mit Samira Yıldız auf dem Rand des Handballfelds hinter der Sporthalle, die Beine ausgestreckt, zwei Dosen Limo zwischen sich. Der Platz lag im Dämmerlicht. Die Flutlichter waren aus, nur der Mond hing schief über dem Dach der Halle.

„Du hast Hunger“, sagte Samira.

„Das ist es nicht.“

„Du hast Hunger und dein Kopf macht komische Sachen.“

„Woher willst du wissen, dass …“

„Ben.“ Samira sah ihn an. Sie war siebzehn, klein und drahtig, mit dunklen Locken, die sie jeden Morgen mit einem Haargummi zähmte, bevor sie sich ins Tor stellte, um Bälle mit dem Gesicht abzufangen. „Ich kenne dich seit der Krabbelgruppe. Du isst immer, wenn du nachdenkst. Heute hast du nichts angerührt. Das ist für dich ein Notfall.“

Ben lachte kurz, dann wurde sein Gesicht ernst. Er nahm einen Schluck von der Limo, setzte die Dose ab, drehte sie in den Händen.

„Es ist ein Typ aus meiner Klasse“, sagte er.

„Aha.“

„Nicht so ein Typ. Also … doch. Aber nicht so.“

„Nicht so?“

„Ich weiß nicht, wie.“ Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Es ist nur … ich hab mit ihm gesprochen, und plötzlich ging’s mir gut. Verstehst du? Nicht aufgeregt gut. Einfach … ruhig. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.“

Samira sagte nichts. Sie legte nur den Kopf leicht schief.

„Und jetzt denke ich ständig an ihn, obwohl wir nur zehn Minuten geredet haben. Das ist doch komisch, oder? Das ist komisch.“

„Das ist nicht komisch.“

„Doch.“

„Ben“, sagte Samira, sehr sanft. „Das ist ein ziemlich normaler Anfang.“

Er sah sie nicht an. Er sah auf den Rasen, auf einen kleinen Käfer, der über einen Grashalm krabbelte, und plötzlich war ihm, als hätte jemand das Licht hinter seinen Rippen angeknipst.

„Ich hab noch nie …“, begann er.

„Ich weiß.“

„Ich hab immer gedacht, ich bin einfach … ich weiß nicht. Spät dran.“

„Ja, sicher.“ Samira nahm einen Schluck. „Und was dachtest du, wolltest du in dem Zimmer mit den Trophäen und dem Nationalmannschaftsposter?“

„Ich dachte, ich sei einfach noch nicht verliebt.“

„Und jetzt?“

Ben schwieg. Der Käfer erreichte die Spitze des Halms, wartete, breitete die Flügel aus und flog davon.

„Ich weiß es nicht“, sagte Ben. „Ehrlich nicht.“

„Okay.“

„Du sagst es keinem.“

„Ben, ich habe in der siebten Klasse deinen Wechselbrief an Hannah Rost vom Spind genommen, bevor sie ihn lesen konnte, weil er voller Rechtschreibfehler war. Ich bin ein Grab.“

Er lächelte, ein bisschen schief. „Danke.“

„Gern.“ Sie stieß ihre Dose gegen seine. „Aber ich werd dich quälen, bis du’s mir sagst.“

„Wen quälen?“

„Wer’s ist.“

„Nein.“

„Doch.“

„Samira.“

„Ich krieg’s raus. Das ist mein Beruf.“

„Dein Beruf ist Torfrau.“

„Ich bin multitalentiert.“

* * *

Später, in seinem Zimmer, saß Ben im Schneidersitz auf dem Bett und scrollte durch die Seite, die er seit dem Frühjahr jede Woche besuchte, wie andere Leute zur Kirche gehen.

Er wusste nicht mehr genau, wie er darauf gestoßen war. Irgendwann im Februar, in einem miesen Monat, in dem das Training ausfiel, weil die Halle renoviert wurde, und er sich zu Hause die Wand hochgeärgert hatte. Er hatte irgendwas gesucht, das nicht laut war. Und dann kam ein Bild: ein schmaler Turm, ein gelbes Licht, ein Mann mit Pfeife.

Leuchtturm – ein Comic über Briefe, Meer und die Kunst, nicht allein zu sein.

Ben hatte eigentlich nie Comics gelesen. Nur Fußballhefte und die Sportseite. Aber er war an dieser einen Seite hängen geblieben, an diesem einen Panel, in dem Anselm einen Brief aus einer Flasche zog und dabei so aussah, als hielte er etwas in der Hand, das größer war als er selbst.

Er hatte alle Seiten gelesen. In einer Nacht. Danach noch einmal.

Und irgendwann, im März, hatte er zum ersten Mal einen Kommentar geschrieben. halbzeit_17: Ich hab keine Ahnung, wie man so was bespricht. Aber das hier hat mich heute durchgehalten.

Er hatte erwartet, dass nichts zurückkam. Aber der Zeichner hatte geantwortet. Ein einziger Satz. Das freut mich mehr, als ich schreiben kann.

Seitdem schrieben sie. Nicht oft. Nicht lang. Aber regelmäßig, wie zwei Menschen, die an den entgegengesetzten Enden desselben Seils standen und vorsichtig daran zogen, um zu prüfen, ob noch jemand da war.

Er wusste nichts über den Zeichner. Nicht Alter, nicht Name, nicht Stadt. Nur, dass er irgendwo in Deutschland lebte, dass er Anselm zeichnete wie jemand, der selbst jahrelang allein am Fenster gesessen hatte, und dass seine Antworten immer ein kleines bisschen länger dauerten, wenn die Frage wirklich wichtig war.

Das neue Kapitel war gestern Abend erschienen. Ben hatte es schon dreimal gelesen.

Seite 31. Anselm sitzt am Tisch, vor ihm ein Stapel Briefe. Er hat den ganzen Winter lang geschrieben und geantwortet, und nun liegt zum ersten Mal ein Brief vor ihm, auf dem keine Antwort steht, sondern eine Frage. Würdest du das Licht verlassen, wenn jemand ruft?

Im letzten Panel sieht man nur Anselms Hände. Sie zittern leicht.

Ben schrieb nichts. Er legte das Handy neben sich aufs Kissen, starrte an die Decke und überlegte, was er selbst antworten würde, wenn ihm jemand diese Frage stellte.

Würdest du das Licht verlassen, wenn jemand ruft?

Er dachte an den Jungen aus Deutsch. An die Hände, die den Bleistift hielten, als wäre er ein sehr zerbrechliches Instrument. An das scheue Lächeln, das fast gleichzeitig kam und verschwand.

Vielleicht, dachte er. Vielleicht, wenn die Stimme leise genug ist.

* * *

Am Sonntag war Pia früh wach und sehr entschlossen.

Sie stand in Finns Zimmertür, in einem T-Shirt mit der Aufschrift Krimis sind meine Superkraft, und hielt ein Glas Nutella in beiden Händen wie eine Reliquie.

„Ich will Eis“, sagte sie.

„Es ist neun Uhr morgens.“

„Ich weiß, dass du etwas verbirgst.“

„Ich verberge nichts.“

„Doch. Du hast gestern fünfmal aufs Handy geguckt und dabei gelächelt. Du lächelst nie auf Handys. Du lächelst nur auf Papier.“

Finn setzte sich im Bett auf. „Pia.“

„Und du hast Lotte erzählt, dass jemand dir eine Wasserflasche gegeben hat. Ich hab’s gehört. Ich war im Garten.“

„Du hast gelauscht.“

„Ich habe Informationen gesammelt. Das ist was anderes.“ Sie setzte sich unaufgefordert auf die Bettkante. „Und ich werde nichts verraten. Ich bin die beste Geheimnishüterin der Welt. Aber ich will dafür ein Eis.“

„Das ist Erpressung.“

„Das ist ein Geschäft. Mit Waffeln.“

Finn betrachtete seine kleine Schwester. Sie hatte dieselben dunklen Augen wie er, nur schneller, wacher, immer ein bisschen zu klug für ihre zwölf Jahre. Er wusste, dass sie sein Geheimnis kannte: die Zeichnungen, den Comic, die Stimmen im Netz. Sie hatte es im Juni herausgefunden, als sie sein Tablet leihen wollte, und seitdem hatte sie kein einziges Wort darüber verloren.

Das war ihre Art von Loyalität. Laut in allem, was keine Rolle spielte, und still in allem, was zählte.

„Zwei Kugeln“, sagte er.

„Drei.“

„Zwei, und du erzählst Papa nicht, dass ich die Hälfte vom Nutella-Glas schon gegessen habe.“

„Das war ich.“

„Ich weiß.“

Sie grinste breit, löffelte einen Klecks Nutella in den Mund und sagte mit vollem Mund: „Wie heißt er?“

„Wer?“

„Der Junge mit der Wasserflasche.“

Finn schwieg.

„Finn.“

„Ben“, sagte er schließlich leise.

„Ben.“ Pia nickte feierlich. „Gut. Ben. Merk ich mir.“

„Es ist nichts, Pia. Es ist nur ein Plakat.“

„Natürlich.“ Sie sprang vom Bett. „Ganz bestimmt. Ein sehr, sehr wichtiges Plakat.“

* * *

Am Montag in der Schule wartete Ben an Finns Tisch.

Er hatte offensichtlich Kaffee getrunken, denn seine Augen waren heller als sonst, und er wippte leicht mit dem Fuß, als stünde er unter Strom. Auf dem Tisch lag ein Zettel, bekritzelt mit krummen Linien und einem Pfeil, der auf etwas zeigte, das entweder ein Wellenbrecher oder ein Kaktus war.

„Ich hab Ideen“, sagte er statt einer Begrüßung.

„Guten Morgen“, sagte Finn.

„Guten Morgen. Ich hab Ideen.“

„Ich sehe es.“

„Das ist ein Sturm. Und das da ist ein Boot. Und das …“ Er tippte auf den Kaktus. „Das ist ein Leuchtturm.“

Finn stockte. Sein Magen machte einen kleinen, unangenehmen Sprung.

„Ein Leuchtturm?“

„Na ja, Sturmnacht, Küste, Warnholm. Ich dachte, das passt. So ein altes Seezeichen als Motiv, weißt du? Ich hab so ein Gefühl dafür, seit … ich hab da mal was gelesen.“

„Was denn?“

Ben zögerte, und etwas Rotes kroch langsam seinen Hals hinauf. „Ach, nichts. Ein Comic. Ich weiß nicht mal, wie der Zeichner heißt.“

Finn merkte, wie die Luft in seiner Lunge zu dünn wurde.

„Ein Comic über einen Leuchtturm“, sagte er.

„Ja. Ziemlich gut. Ziemlich … traurig, aber auf eine schöne Art.“ Ben sah plötzlich verlegen aus. „Du kennst den bestimmt nicht.“

„Nein“, sagte Finn. „Wahrscheinlich nicht.“

Es war die erste richtige Lüge, die er Ben erzählte. Und sie fühlte sich an wie ein winziger Stein, der sich in seinen Schuh geschoben hatte, nichts Dramatisches, nur ein ständiges Reiben bei jedem Schritt.

„Aber die Idee ist gut“, sagte er schnell. „Der Leuchtturm. Wir könnten ihn groß machen, mit den Wellen als Schriftzug.“

„Echt?“ Bens Gesicht leuchtete auf. „Du findest sie gut?“

„Ja.“

„Okay, dann … dann sind wir ein Team.“

„Ein Team“, wiederholte Finn.

Ben streckte ihm die Hand hin, halb im Scherz, halb im Ernst, und Finn schlug ein. Die Handfläche war warm, rau, ein bisschen verschwitzt, und der Händedruck dauerte genau eine Sekunde zu lang.

Beide zogen die Hand gleichzeitig zurück.

Beide taten, als sei nichts gewesen.

Zwischen ihnen auf dem Tisch lag das Blatt mit dem Kaktus, der ein Leuchtturm sein wollte, und im Fensterrahmen dahinter ging die Septembersonne langsam durch die Wolken.

* * *

Am Abend, nachdem er das Plakat-Konzept skizziert hatte, öffnete Finn die Seite und schrieb halbzeit_17 eine Nachricht.

Darf ich dich was fragen?

Es dauerte nur Sekunden, bis die Antwort kam.

Klar.

Kannst du einen Menschen mögen, ohne ihn zu kennen?

Der Cursor blinkte lange.

Ich glaube schon, schrieb halbzeit_17 schließlich. Ich glaube, manchmal kennt man jemanden, bevor man weiß, wer er ist.

Finn las den Satz im Dunkeln seines Zimmers, und neben seinem Bett leuchtete der Bildschirm wie ein kleiner, warmer Mond.

Er schrieb nicht zurück. Er konnte nicht.

Aber er wusste, ohne es zu verstehen, dass etwas begonnen hatte.

Comic-Seite aus Leuchtturm, Seite 1