
Der Wecker klingelte um sechs Uhr dreißig, und Finn Albrecht lag schon seit zwanzig Minuten wach.
Das war nichts Neues. Seit dem Winter wachte er früh auf, als hätte sein Körper beschlossen, dass es sicherer war, dem Tag zuvorzukommen, bevor der Tag ihm zuvorkam. Er lag da, sah an die Dachschräge über seinem Bett, an der noch immer die Leuchtstern-Aufkleber aus seiner Kindheit klebten, und hörte unten das vertraute Geräusch, das ihn sein ganzes Leben begleitet hatte: das Zischen und Klappern aus der Räucherei seines Vaters, die direkt an das Haus grenzte.
Warnholm roch nach Rauch und Salz. Immer. Auch an diesem ersten Schultag nach den Sommerferien.
„Finn!“, rief seine Mutter von unten. „Frühstück! Und sag deiner Schwester, dass sie sich nicht schon wieder die Haare mit meiner Haarspange festklemmen soll, die ist antik!“
Finn seufzte, schwang die Beine aus dem Bett und griff, wie jeden Morgen, zuerst nach dem blauen Skizzenbuch auf dem Nachttisch. Er blätterte auf die letzte Seite. Dort war noch das Bild von gestern Abend: ein Leuchtturm auf einer Klippe, im Fenster ein winziges, gelbes Licht, davor ein Mann mit Pfeife und Wollmütze, der eine Flasche gegen den Mond hielt.
Anselm, der Leuchtturmwärter. Seine Hauptfigur. Sein Geheimnis.
Er schloss das Buch, steckte es in den Rucksack und ging ins Bad.
* * *
Das Frühstück bei den Albrechts war eine Art geordnetes Chaos. Pia, zwölf Jahre alt, saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Stuhl und las beim Essen einen Krimi, den sie definitiv noch nicht lesen durfte. Ihr Vater Jörg kam in Gummistiefeln und mit Rußflecken am Kinn herein, schnappte sich ein Brötchen im Vorbeigehen und küsste seine Frau auf die Wange, ohne dabei stehen zu bleiben.
„Fisch ist durch, Anke. Ich fahr gleich nach Lübeck zum Großhandel.“
„Du hast Ruß im Gesicht.“
„Das ist Berufsschmuck.“
Anke Albrecht, Buchhändlerin mit einer Leidenschaft für Kaffee und Ordnung, wischte ihm mit einer Serviette übers Kinn und sah dann Finn an. Es war dieser Blick. Der Blick, den sie seit dem Winter hatte, wenn sie dachte, er merke es nicht: prüfend, weich, ein bisschen besorgt.
„Aufgeregt?“, fragte sie.
„Es ist Schule.“
„Das ist keine Antwort.“
„Es ist eine Antwort“, sagte Finn und biss in sein Brötchen. „Sie lautet: Es ist Schule.“
Pia hob den Blick vom Buch. „Er ist aufgeregt“, sagte sie. „Er hat zweimal die Zahnbürste fallen lassen. Ich hab’s gehört.“
„Pia.“
„Ich sag ja nur.“
„Iss deine Müsli.“
„Es heißt dein Müsli, Finn. Das Müsli.“
Ihr Vater lachte leise im Türrahmen, und für einen Moment war die Küche warm und voll und sicher. Finn wünschte, er könnte diese Küche mit in die Schule nehmen. In seinen Rucksack packen, zwischen die Mathehefte und das Federmäppchen, und bei Bedarf herausziehen wie einen Schutzschild.
* * *
Die Theodor-Storm-Schule lag auf einer kleinen Anhöhe am Rand von Warnholm, von wo aus man, wenn der Wind richtig stand, die Ostsee riechen konnte. Es war ein Backsteinbau aus den Sechzigern, an dessen Fassade ein verwitterter Schriftzug hing, den man wahlweise als Motto oder als Drohung lesen konnte: Wer die Welle nicht reitet, geht unter.
Finn kam wie immer zehn Minuten zu früh. Er stellte sein Rad an den äußersten Ständer, ganz hinten, wo es am wenigsten auffiel, und ging an der Mauer entlang zum Eingang. Um ihn herum schwoll das übliche Gewimmel an: Sechstklässler, die zu schnell liefen, Zehntklässler, die zu langsam gingen, Gruppen, die lachten und sich umarmten, weil sie sich sechs Wochen nicht gesehen hatten.
Er war einer, der an den Rändern ging. Das hatte er sich über die Jahre angewöhnt. An den Rändern wurde man selten angerempelt.
„FINN!“
Er zuckte zusammen, noch bevor er sich umdrehte. Und dann kam sie schon angerannt, in einer orangefarbenen Windjacke, mit einem Stapel Papier unter dem Arm und einer Schokoladenbanane im Mund: Lotte Brinkmann, seine beste Freundin, die einzige Person in diesem Gebäude, die jemals ohne Vorwarnung auf ihn losgehen durfte.
„Ich hab dich vermisst, du Wrack!“, rief sie, noch kauend, und umarmte ihn so fest, dass sein Rucksack verrutschte. „Sechs Wochen! Sechs Wochen, in denen du auf keine einzige Nachricht schneller als nach drei Tagen geantwortet hast!“
„Ich war im Urlaub.“
„Du warst in Dänemark. Das hat Netz.“
„Hat es nicht überall.“
„Es hat überall“, sagte Lotte und musterte ihn mit schmalen Augen. „Du hast zugenommen. Nein, warte, du hast dich erholt. Du siehst aus wie ein Mensch.“
„Danke. Das war das Ziel.“
„Gern.“ Sie zog ihn am Ärmel Richtung Eingang. „Komm, wir müssen zum Schwarzen Brett. Frau Dr. Ehlers hat den Projektplan für die Herbstaktion ausgehängt, und ich muss sofort wissen, wer mit wem arbeiten muss, bevor die Gerüchteküche anspringt.“
„Es gibt eine Gerüchteküche?“
„Es gibt immer eine Gerüchteküche.“ Sie lächelte schief. „Und ich bin ihr Küchenchef.“
* * *
Am Schwarzen Brett im Erdgeschoss drängten sich bereits Dutzende Schüler. Lotte schob sich mit den Ellenbogen durch, was in der Regel funktionierte, weil sie kleiner war, als man erwartete, und dadurch weniger Widerstand erzeugte.
„Sturmnacht“, las sie vor. „Das große Herbstfest der Theodor-Storm-Schule, am vierundzwanzigsten Oktober, in der Aula. Die Plakatgestaltung übernimmt in diesem Jahr der Kunst-Leistungskurs in Kooperation mit dem Sport-Profil.“ Sie runzelte die Stirn. „Kooperation. Mit Sport.“
„Das ist neu“, sagte Finn.
„Das ist Absicht. Die Ehlers will, dass die Schule sich vermischt. Schau, da stehen Paare. Gruppe A: Hanna Reichert und Tom Voss. Gruppe B …“ Sie fuhr mit dem Finger die Liste entlang und brach plötzlich ab.
„Was?“, fragte Finn.
„Nichts.“
„Lotte.“
„Gruppe F“, sagte sie langsam. „Finn Albrecht und … Ben Kowalski.“
Finn spürte, wie sich in seinem Magen etwas zusammenzog, nicht schmerzhaft, nur sehr aufmerksam.
Ben Kowalski.
Natürlich wusste er, wer das war. Jeder an dieser Schule wusste, wer Ben Kowalski war. Siebzehn, Abiturjahr minus eins, Kapitän der Handballmannschaft, in der jedes Jahr irgendjemand glaubte, sie könne tatsächlich den Landesmeistertitel holen. Er war groß, dunkelblond, mit einer Narbe über der linken Augenbraue, die er sich beim Fußballspielen in der Grundschule geholt hatte (das war eine der Gerüchteküchen-Informationen, die Finn nicht hätte wissen müssen, aber wusste). Er lachte laut und oft. Er hielt Türen auf. Er war einer dieser Menschen, die einen Raum betraten und dabei irgendwie die Luft wärmer machten.
Und er hatte, soweit Finn wusste, in den vergangenen zwei Jahren kein einziges Mal mit ihm gesprochen.
„Du kannst tauschen“, sagte Lotte. „Ich rede mit der Ehlers.“
„Nein.“
„Finn, das sind sechs Wochen Zusammenarbeit mit einem Typen aus dem Sportprofil. Mit Tobi Raakes Kumpel.“
„Ich sagte nein.“ Er hörte selbst, dass es ruhiger klang, als er sich fühlte. „Ist nur ein Plakat.“
Lotte sah ihn lange an. Dann nickte sie langsam.
„Okay“, sagte sie. „Aber wenn irgendwas ist …“
„Dann sag ich es dir.“
„Du sagst mir nie was.“
„Dann merkst du es eben.“
„Ich merke immer alles“, sagte Lotte und hakte sich bei ihm unter. „Das ist ja das Problem.“
* * *
Der erste Block war Deutsch, und Finn setzte sich wie immer in die vorletzte Reihe, am Fenster. Draußen leuchtete der Schulhof in einem fast kitschigen Septembergold. Auf dem Basketballfeld warfen ein paar Jungs lustlos Körbe, und über den Dächern der Stadt zog eine Möwe so träge ihre Kreise, dass man ihr hätte dabei zusehen können, bis die Stunde vorbei war.
Er holte das Skizzenbuch heraus, schlug es unter dem Tisch auf und zog mit dem Bleistift vorsichtig die Linie des Fensterrahmens nach. Nur ein paar Striche. Beruhigende Striche. Es war der einzige Ort, an dem er sich nie fragen musste, ob er zu viel oder zu wenig war: auf der Seite, in der Linie, im stillen Moment zwischen Atemzug und Atemzug.
„Ist da noch frei?“
Er sah nicht sofort auf. Er sah zuerst die Hand, die den Stuhl neben ihm festhielt: groß, gebräunt, ein Verband um den kleinen Finger und zwei Armbänder aus Leder am Handgelenk.
Dann sah er hoch.
Ben Kowalski stand neben seinem Tisch, den Rucksack nur über eine Schulter geworfen, und lächelte ihn an. Es war kein besonderes Lächeln. Es war einfach nur offen. Als hätte er nie gelernt, dass man sich vor jemand anderem verstecken konnte.
„Ja“, sagte Finn. „Ich meine: Nein. Ich meine: Es ist frei.“
„Super.“ Ben ließ sich auf den Stuhl fallen, der unter ihm leise ächzte. „Ich bin Ben.“
„Ich weiß.“
„Echt?“
„Wir gehen seit fünf Jahren auf dieselbe Schule.“
„Stimmt.“ Ben grinste. „Okay, das war eine dumme Antwort von mir. Ich meinte: Ich bin dein Ben. Also dein Partner. Für das Plakat. Hab’s am Schwarzen Brett gesehen. Du bist Finn, oder? Finn Albrecht?“
Finn nickte. Seine Ohren fühlten sich warm an. Das ärgerte ihn.
„Cool“, sagte Ben, ohne die geringste Spur von Spott. „Ich kann nicht zeichnen. Ich sag dir das gleich, damit du’s weißt. Ich kann nur Strichmännchen, und auch die sehen aus, als hätten sie Rückenschmerzen.“
Finn musste, gegen seinen Willen, ein bisschen lächeln.
„Ich kann dafür nicht werfen“, sagte er.
„Ich kann dir’s beibringen.“
„Ich glaube, ich hab nicht den Rücken dafür.“
„Du hast keine Ahnung, wie schwer es ist, einen schlechten Rücken zu haben, wenn man dreimal die Woche trainiert“, sagte Ben und rieb sich übertrieben die Lendenwirbel. „Ich leide. Täglich.“
Und Finn lachte, ein kurzes, überraschtes Lachen, das ihm im Hals hängen blieb, als hätte er vergessen, wie sich das anfühlte.
* * *
Die Deutschstunde verging in einem Dunst aus Kritzeleien und verstohlenen Blicken. Herr Wendt, der Lehrer, sprach über „Gedichte als Spiegel ihrer Zeit“, was eine freundliche Art war, zu sagen, dass die ganze Klasse im neuen Schuljahr Gedichte auswendig lernen würde. Finn versuchte, zuzuhören, aber er bekam nur Bruchstücke mit. Ein Reim auf „Meer“. Eine Strophe über „Sehnsucht“.
Neben ihm schrieb Ben konzentriert mit, die Zunge zwischen den Zähnen, wie ein Kind beim Malen. Einmal rutschte ihm der Stift weg, und er hob ihn auf und murmelte „Sorry“, obwohl niemand etwas gemerkt hatte. Seine Schrift war groß, eckig, eindeutig die Schrift von jemandem, der lieber mit dem ganzen Körper dachte als mit der Hand.
Und dann, kurz vor der Pause, geschah etwas, womit Finn nicht gerechnet hatte.
„Der Fensterrahmen“, flüsterte Ben.
„Was?“
„Du hast ihn gezeichnet. Eben. Ich hab’s gesehen.“ Er deutete mit dem Kinn auf das Skizzenbuch, das Finn instinktiv zuklappen wollte. „Nein, warte, mach nicht zu. Das war voll gut. Ich meine das ernst. Du hast die Perspektive so hingekriegt, dass es aussieht, als würde man echt rausgucken.“
„Es ist nur ein Fenster.“
„Ja. Aber ein gutes.“
Finn schwieg. Er wusste nicht, wohin mit dem Satz. Niemand sagte ihm, dass etwas gut war. Er sagte es sich selbst nie.
„Was zeichnest du sonst?“, fragte Ben.
„Nichts. Also, alles. Leute. Orte. Manchmal Geschichten.“
„Geschichten?“
Finn spürte, wie die Mauer in ihm sich leise zusammenschob, Stein auf Stein. „Nichts Wichtiges“, sagte er.
Ben sah ihn einen Moment lang an. Er hatte graublaue Augen, mit einem Rand von Grün darin, und es lag etwas darin, das Finn nicht einordnen konnte. Nicht Neugier. Eher … Respekt.
„Okay“, sagte er einfach. „Wenn du irgendwann mal was zeigen willst, ich bin kein schlechter Zuschauer.“
Die Schulglocke schrillte.
* * *
In der großen Pause ließ Lotte ihn nicht aus den Augen. Sie hatte sich zwei Brezeln geholt und in der Mitte des Hofs, auf der Betonbank unter der Linde, einen strategisch günstigen Beobachtungsposten bezogen.
„Und?“, fragte sie, sobald Finn sich neben sie gesetzt hatte.
„Und was?“
„Wie war er?“
„Ben?“
„Nein, der Papst. Natürlich Ben.“
Finn zog die Schultern hoch. „Nett.“
„Nett.“
„Er ist nett. Er hat gefragt, ob der Stuhl frei ist.“
„Er hat gefragt, ob der Stuhl frei ist?“ Lotte biss in ihre Brezel und kaute nachdenklich. „Das ist interessant. Die Sportleute fragen normalerweise nicht. Die nehmen sich den Stuhl, setzen sich drauf und erzählen dir hinterher, dass du ihnen im Weg sitzt.“
„Er ist nicht so.“
„Woher willst du das wissen?“
„Ich …“ Finn stockte. Er hatte keine Antwort. Er hatte nur ein Bauchgefühl, und seit dem Winter vertraute er seinem Bauch nicht mehr besonders.
Lotte sah ihn an, und ihre Stimme wurde ein bisschen leiser. „Hey. Ich will nur, dass du vorsichtig bist.“
„Ich bin immer vorsichtig.“
„Ich weiß.“ Sie stupste ihn mit der Schulter an. „Ich weiß, dass du das bist. Und ich weiß auch, warum.“
Marlon. Der Name hing zwischen ihnen wie Rauch, ohne dass einer ihn aussprach.
Marlon Petersen. Zwölfte Klasse, Theater-AG, Lächeln wie ein Werbeplakat. Im vergangenen November hatte Finn ihm sein Herz gegeben, vorsichtig, in kleinen Stücken, wie man Möwen füttert: erst ein Brotkrümel, dann noch einer. Und im Februar hatte Marlon ein Foto, auf dem sie sich geküsst hatten, an ein halbes Dutzend Leute geschickt. Ein Foto, das Finn nie hatte teilen wollen. Das Wort Outing war nicht gefallen. Es war auch nicht nötig gewesen. In einer Stadt wie Warnholm reichte ein Foto, und sechs Stunden später kannte jeder die Geschichte.
Finn war längst offen gewesen. Seine Familie wusste es seit der siebten Klasse. Die meisten Freunde auch. Aber offen sein und vorgeführt werden waren zwei völlig verschiedene Dinge, und den Unterschied hatte er im Februar gelernt. Auf die harte Tour. In der Umkleide. In den Fluren. In den Blicken, die kurz zu lang auf ihm hängen blieben.
„Mir geht’s gut“, sagte er.
„Okay.“
„Wirklich.“
„Ich hab doch gesagt: okay.“
Er lächelte sie an, schief, dankbar, und schob ihr den Rest seines Brötchens zu. Lotte nahm ihn, ohne zu fragen. Das war ihr Weg, Zuneigung zu zeigen: Essen annehmen, ohne Aufhebens.
* * *
Der Nachmittag zog sich. Mathe. Geschichte. Eine Doppelstunde Physik, in der Herr Bock einen Stromkreis erklärte, als sei er das Geheimnis des Universums. Gegen halb vier schleppte sich Finn Richtung Kunstraum, wo die erste Projektbesprechung für die Sturmnacht stattfinden sollte.
Der Kunstraum lag im Obergeschoss, unter dem Dach, mit schrägen Fenstern, durch die das Licht in langen, goldenen Streifen auf die Tische fiel. Es roch nach Acryl, Terpentin und altem Holz. Finn liebte diesen Raum. Es war der einzige Raum der Schule, in dem er sich einfach nur … da fühlte.
Frau Dr. Ehlers stand am Fenster, eine große, schlanke Frau Mitte fünfzig mit grauen Locken und einem lila Schal, und gestikulierte mit einem Kaffeebecher.
„Wunderbar, die Herren und Damen, nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz. Wir haben nicht ewig, die Sturmnacht ist in sieben Wochen. Ich will drei Entwürfe pro Gruppe bis Ende nächster Woche, und ich will, dass Sie zusammen arbeiten, nicht nebeneinander. Das heißt: Einer zeichnet, der andere sagt, was er fühlt. Oder umgekehrt.“
Ein paar Schüler kicherten. Ben, der gegenüber von Finn am Tisch saß, hob die Hand.
„Ja, Herr Kowalski?“
„Ich fühle ziemlich viel Hunger.“
„Das ist dokumentiert, aber nicht plakatreif.“
Gelächter. Ben grinste. Finn spürte etwas, das er lange nicht gefühlt hatte: eine kleine, leichte Wärme, die sich in seinem Brustkorb ausbreitete, wenn jemand im Raum so war, dass man sich sicher fühlte.
Er verbot sich sofort, daran zu denken.
Nach dem Plenum kam Frau Dr. Ehlers an ihren Tisch.
„Herr Albrecht, Herr Kowalski.“ Sie lächelte über den Rand ihres Bechers. „Ich habe Sie nicht ohne Grund zusammengesetzt. Herr Kowalski, Sie haben Energie und Struktur. Herr Albrecht, Sie haben … Blick. Ich will, dass Sie voneinander lernen.“
„Wir kriegen das hin“, sagte Ben.
Finn nickte nur.
„Gut.“ Sie legte Finn kurz die Hand auf die Schulter, so leicht, dass er sie kaum spürte. „Und, Finn: Ich habe in den Ferien wieder etwas Wunderschönes gesehen. Ein kleiner Webcomic, über einen Leuchtturmwärter. Ich kenne den Zeichner nicht. Aber ich dachte sofort an Sie.“
Finn erstarrte.
„Wirklich?“, fragte er, und es klang, als hätte jemand die Luft aus seiner Stimme gezogen.
„Wirklich“, sagte sie. „Der Strich erinnert an Ihren. Es muss ein Zufall sein, nehme ich an.“ Sie zwinkerte. „Zufälle sind oft die besten Geschichten.“
Dann ging sie weiter zum nächsten Tisch.
Finn saß da, mit wild klopfendem Herzen, und starrte auf seine Hände.
„Alles okay?“, fragte Ben leise.
„Ja.“
„Du bist ganz blass.“
„Es ist … nur Licht.“
Ben sah ihn an, und dann, ohne ein Wort, schob er ihm seine Wasserflasche über den Tisch. Eine kleine Geste. Nicht mehr.
Finn nahm einen Schluck. Das Wasser war lauwarm und schmeckte nach Plastik.
Es war das Beste, was er an diesem Tag getrunken hatte.
* * *
Es dämmerte schon, als er am Abend wieder zu Hause war. Er aß mit seinen Eltern, hörte Pia zu, die einen Zwanzig-Minuten-Monolog über ihre neue Klassenlehrerin hielt, half beim Abwasch und zog sich dann, mit dem Laptop unter dem Arm, in sein Zimmer zurück.
Er schloss die Tür. Er setzte sich aufs Bett. Er öffnete die Seite.
@kleinerleuchtturm, stand oben, und darunter, in winzigen, hellblauen Buchstaben: Leuchtturm – ein Comic über Briefe, Meer und die Kunst, nicht allein zu sein.
Siebenhundertvierzig Follower. Das war nicht viel, aber es waren seine. Seit sieben Monaten, seit dem dunkelsten Teil des Winters, hatte er jede Woche eine neue Seite hochgeladen, anonym, ohne Namen, ohne Gesicht. Es war der einzige Ort, an dem er sagen konnte, was er sagen wollte, ohne dass jemand ihn dabei ansah.
Heute Abend lag ein neuer Kommentar unter der letzten Seite. Von einem Account, den er schon kannte.
halbzeit_17: Ich weiß nicht, warum mich Anselms Laterne immer so kriegt. Aber ich hab sie heute wieder angeguckt, bevor ich ins Bett bin. Danke fürs Zeichnen.
Finn las den Satz einmal. Dann zweimal. Dann ein drittes Mal, langsam.
Er wusste nicht, wer halbzeit_17 war. Er wusste nur, dass dieser Account in den letzten Monaten fast jede Woche etwas geschrieben hatte. Kurze Sätze. Nichts Großes. Manchmal nur ein einziges Wort. Aber diese Worte hatten ihn, an manchen Tagen, aufrechter gehalten als jedes Gespräch mit einem echten Menschen.
Er tippte eine Antwort. Er löschte sie. Er tippte eine andere. Löschte sie auch.
Schließlich schrieb er nur: Danke, dass du da bist.
Und drückte auf Senden, bevor er es sich anders überlegen konnte.
* * *
Auf der anderen Seite der Stadt, in einem Zimmer mit Handballtrophäen auf dem Regal und einem Poster der Nationalmannschaft über dem Schreibtisch, lag Ben Kowalski auf dem Bett und starrte auf sein Handy.
Danke, dass du da bist.
Er las den Satz. Er lächelte. Und er hätte nicht sagen können, warum sein Herz dabei so seltsam, so ungewohnt, so hell klopfte.
Er legte das Handy auf die Brust, schloss die Augen und dachte, ohne es zu wollen, an einen Jungen mit blauem Skizzenbuch, der heute Nachmittag beim Lachen die Augen zugekniffen hatte, als wäre das Licht zu stark.
Ist nur ein Plakat, hatte der Junge gesagt.
Ben war sich da nicht mehr so sicher.