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Kapitel 12: Der Leuchtturm

Illustration zu Kapitel 12

Der Weg nach Kap Rotenhorn führte durch eine Landschaft, die im Winter aussah wie ein Gemälde, das jemand aus Versehen fast leer gelassen hatte.

Keine Bäume. Keine Häuser. Nur Dünengras unter einer dünnen Schneedecke, ein schmaler Trampelpfad, der sich durch das Naturschutzgebiet schlängelte, und über allem ein hoher, bleicher Himmel, in dem sich die Wolken zu langen Streifen zogen. Rechts, hinter den Dünen, hörte man das Meer, ohne es zu sehen: ein tiefes, gleichmäßiges Rollen, das wie der Atem eines schlafenden Tieres klang.

Es war kalt. Richtig kalt. Der Wind biss in die Wangen, und jedes Mal, wenn sie sprachen, stieg eine Atemwolke vor ihren Gesichtern auf.

„Wie weit noch?“, fragte Ben.

„Eine halbe Stunde.“

„Das hast du vor einer halben Stunde auch gesagt.“

„Da war es noch eine Stunde.“

„Das ist Betrug.“

„Das ist Geographie.“

Ben lachte und rieb sich die Hände. Er trug dieselbe Daunenjacke wie an Weihnachten, dazu Wanderstiefel und eine Strickmütze mit Bommel, die Pia ihm geschenkt hatte, mit der Bemerkung, ein Detektiv müsse auf Außeneinsätzen warm bleiben. Auf seinem Rücken saß ein Rucksack, in dem er Thermoskanne, Brote, eine Taschenlampe und, wie er behauptete, „für den Notfall Gummibärchen“ transportierte.

Finn ging neben ihm, die Mappe unter dem Arm, fest an die Brust gedrückt. Er hatte in der Nacht wenig geschlafen. Sein Magen fühlte sich an wie ein Knoten, den jemand mit kalten Fingern enger zog.

„Du bist ruhig“, sagte Ben nach einer Weile.

„Ich konzentriere mich auf den Weg.“

„Der Weg ist gerade.“

„Dann konzentriere ich mich auf das Gerade.“

„Finn.“

„Ja?“

„Du musst nichts sagen, wenn du nicht willst.“

„Doch. Muss ich.“

„Dann sag’s, wenn du bereit bist.“ Ben sah ihn von der Seite an, mit diesem offenen, freundlichen Blick, der Finn jedes Mal ein bisschen weiche Knie machte. „Ich lauf einfach mit.“

Und er lief mit. Schritt für Schritt, neben ihm, durch den Schnee. Sein Arm streifte ab und zu Finns Ärmel, ohne Absicht, ohne Eile. Es war ein seltsam beruhigendes Gefühl. Als ginge man in Begleitung eines Windes, der einen nicht drängt.

* * *

Der Leuchtturm tauchte plötzlich auf.

Sie waren um eine Düne gebogen, und da stand er: schmal, hoch, weiß und rot gestreift, mit abgeblättertem Putz und einem dunklen, leeren Laternenhaus ganz oben. Er ragte aus dem Schnee wie ein Finger, der zum Himmel zeigt. Dahinter, jenseits eines Streifens aus Eis und Treibholz, lag das Meer, grau und schwer.

Leuchtturm Rotenhorn, erbaut 1892, außer Dienst seit 1964. Das stand auf einer rostigen Tafel, die im Wind klapperte.

Ben blieb stehen.

„Das ist …“, sagte er und brach ab.

„Ja.“

„Das ist er.“

„Wer?“

„Du weißt, wer.“ Ben drehte sich langsam zu ihm. Sein Gesicht war blass geworden, die Augen riesig. „Das ist Anselms Turm. Genau so. Die Streifen. Das schiefe Geländer. Der Anbau links, in dem er seine Boote hat.“

Finn schwieg. Sein Herz hämmerte.

„Das kann nicht sein“, flüsterte Ben. „Das ist ein Zufall. Das muss ein …“

„Ben.“

„Nein, warte.“ Er hob die Hand. „Lass mich ausreden. Bitte. Ich muss das erst sagen, bevor du was sagst, sonst trau ich mich nie.“

Finn nickte.

Ben holte tief Luft. Er stand mitten im Schnee, die Hände an den Seiten geballt, mit der Strickmütze schief auf dem Kopf. Seine Atemwolken stiegen schnell und unregelmäßig auf.

„Ich hab mir in den letzten Wochen was überlegt“, begann er. „Ich wollte es nicht denken. Ich hab’s weggeschoben, weil es so unwahrscheinlich ist. Weil es zu schön wäre. Aber seit dem Nachmittag, als ich in deinem Flur stand und diesen Leuchtturm gesehen habe, und als du mir gesagt hast, du hättest als Kind aus Nervosität angefangen zu zeichnen, und dann diese Stifte …“ Er schluckte. „Und jetzt dieser Ort. Du hast mich an den Ort gebracht, den Anselm gezeichnet hat. Mit dem schiefen Geländer.“

„Ja.“

„Das heißt …“ Seine Stimme brach. „Das heißt, du kennst ihn. Du kennst den Zeichner.“

„Ben.“

„Oder du …“

„Ben.“

Er verstummte. Der Wind pfiff durch das Dünengras.

Finn öffnete die Mappe. Seine Finger waren steif vor Kälte, und es dauerte einen Moment, bis er das Blatt herausgezogen hatte. Er hielt es Ben hin. Zwei Jungen vor einem Leuchtturm. Ein Meer aus Schnee zwischen ihnen. Darunter eine Zeile, in einer Handschrift, die Ben auf Bildschirmen schon hundertmal gesehen hatte.

Manchmal ist die Antwort schon da, bevor man die Frage stellt.

Ben nahm das Blatt.

Er las die Zeile. Er sah die Zeichnung. Er sah den Jungen mit dem Skizzenbuch, den Jungen mit der schiefen Mütze. Er sah die Handschrift.

Seine Hände begannen zu zittern.

„Du“, flüsterte er.

„Ja.“

„Du bist …“

„Ich bin @kleinerleuchtturm.“

Das Blatt rutschte ihm aus den Fingern. Finn fing es auf, ehe der Wind es davontragen konnte, und hielt es fest.

„Seit Januar“, sagte er leise. „Ich habe jeden Abend gezeichnet. Weil ich sonst nicht schlafen konnte. Ich habe Anselm erfunden, weil ich selbst einer war. Allein in einem Turm, der Briefe in Flaschen bekommt und nicht weiß, wer sie schreibt.“

Ben starrte ihn an. Sein Mund stand halb offen. Sein Atem ging stoßweise.

„Und du …“, fuhr Finn fort, „… bist der, der geschrieben hat. Seit März. Jede Woche. Mit deinen kurzen Sätzen. Du hast gesagt, ein Bild habe dich durchgehalten. Und das hat mich durchgehalten, Ben. Deine Sätze. Die ganzen Monate.“

„Ich wusste nicht …“

„Ich weiß.“

„Ich hab dir alles geschrieben.“

„Ich weiß.“

„Alles. Auch das mit dir. Auch das mit … ich hab dir geschrieben, dass ich dich …“ Er konnte es nicht aussprechen. Sein Gesicht färbte sich tiefrot, von den Wangen bis zu den Ohren. „Oh Gott.“

„Ben.“

„Oh Gott, Finn, du hast alles gelesen.“

„Ja.“

„Alles, was ich … was ich über dich … was ich über …“

„Ja.“

„Und du hast nichts gesagt.“

„Ich wusste es erst im Oktober sicher. Nach dem Spiel. Und im November hab ich dich erkannt, an einem Satz. Und dann bin ich weggelaufen.“ Finns Stimme zitterte. „Ich hab Angst gehabt. Ich hab gedacht: Wenn er weiß, dass ich es bin, dann weiß er, dass ich alles gelesen habe. Und vielleicht fühlt er sich nackt. Vielleicht hasst er mich dafür.“

Ben lachte.

Es war ein seltsames Lachen. Es kam stoßweise, fast schluchzend, ein Mittelding aus Schock und Erleichterung. Er schlug beide Hände vors Gesicht, ging einen Schritt rückwärts, drehte sich im Kreis, kam zurück.

„Hassen? Ich soll dich hassen?“

„Ich weiß nicht …“

„Finn. Finn, du bist … du bist das Beste, was mir je …“ Er hielt inne, atmete, rang nach Worten. „Ich hab die ganze Zeit gedacht, ich schreibe einem Fremden. Jemandem, der mir hilft. Und es warst du. Die ganze Zeit warst es du.“

„Ja.“

„Du hast mir Antworten gegeben, bevor ich wusste, dass ich sie brauche.“

„Du mir auch.“

„Wirklich?“

„Jeden Tag.“

Sie sahen sich an. Zwischen ihnen wehte feiner Schnee, und über ihnen krächzte eine einzelne Möwe.

„Es tut mir leid“, sagte Finn. „Dass ich es nicht früher gesagt hab.“

„Es muss dir nicht leid tun.“

„Doch. Es war nicht fair.“

„Du hattest Angst.“

„Du auch.“

„Ja.“ Ben wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Aber du hast sie überwunden. Du hast mich hergebracht. Du hast gesagt, es könnte etwas Gutes sein. Das ist …“ Seine Stimme versagte. „Das ist das Mutigste, was jemand je für mich getan hat.“

* * *

Sie gingen zusammen zum Leuchtturm.

Die schwere Eisentür am Fuß war nicht verschlossen. Finn hatte es im Sommer ausprobiert, als er allein hier gewesen war, mit dem Skizzenbuch auf dem Schoß, um das Gelände zu zeichnen. Sie quietschte laut, als er sie aufdrückte.

Drinnen roch es nach Kälte, Stein und altem Salz. Eine schmale Wendeltreppe wand sich nach oben, Stufe um Stufe, durch das Halbdunkel. Durch kleine, runde Fenster fiel graues Licht herein.

„Hast du Angst vor Höhe?“, fragte Finn.

„Nein.“

„Gut.“

„Du?“

„Ein bisschen.“

„Dann halt dich fest.“

Ben streckte die Hand aus. Finn nahm sie.

Sie stiegen gemeinsam hinauf. Es waren einhundertdreiundvierzig Stufen, Finn hatte sie damals gezählt. Beim Aufstieg sprach keiner. Es war ein Schweigen, das sich nicht schwer anfühlte, eher wie ein Handschuh, in den man gerade hineingeschlüpft ist. Ihre Schritte hallten im Treppenhaus wider. Draußen heulte der Wind, und die Fenster ratterten leise.

Oben endete die Treppe an einer Luke. Ben stemmte sie auf, und sie kletterten in das Laternenhaus.

Es war ein runder Raum aus Glas und Eisen, in dessen Mitte eine große, verrostete Linse stand, kaputt und leer, wie ein Auge, das lange nichts mehr gesehen hat. Rundherum zog sich ein schmaler Balkon. Durch die schmutzigen Scheiben sah man das Meer, die Dünen, den Strand, und weit hinten, ein winziger, heller Fleck, die Stadt.

„Wow“, flüsterte Ben.

„Ja.“

„Man sieht alles.“

„Man sieht auch Warnholm. Den Hafen. Die Räucherei. Bei klarem Wetter sogar die Schule.“

Ben trat an die Scheibe. Er legte die Hand darauf.

„Du bist hier oft?“

„Ja. Im Sommer. Ich komme her, wenn ich nachdenken muss.“

„Das ist wie bei mir. Der Dachboden.“

„Ja.“ Finn lächelte. „Wir haben beide einen hohen Ort.“

„Ich glaub, das ist kein Zufall.“

„Nein.“

Ben drehte sich um. Hinter ihm lag das Meer wie ein stilles, endloses Tuch. Das fahle Winterlicht fiel auf sein Gesicht und machte es klar, offen, ungeschützt. Er sah aus wie jemand, der seit langem eine Last getragen hat und nun zum ersten Mal spürt, wie leicht die Hände werden können.

„Finn“, sagte er.

„Ja?“

„Darf ich dir etwas sagen? Nicht als halbzeit_17. Als Ben.“

„Ja.“

„Ich habe dir einen Brief geschrieben. Du hast ihn gelesen. Aber ich möchte ihn dir sagen. Laut. Mit meiner Stimme.“

Finn nickte. Sein Herz klopfte so laut, dass er glaubte, es müsse im ganzen Turm widerhallen.

Ben holte Luft.

„Ich habe mich in dich verliebt“, sagte er. „Nicht in den Zeichner. In dich. In den Jungen, der mir die Wasserflasche gegeben hat. Der den Fensterrahmen gezeichnet hat. Der mit mir im Regen unter einer Bushaltestelle stand und mir erzählt hat, was ihm passiert ist. Ich habe mich in den verliebt, der lacht, als wüsste er nicht, ob er darf. Und ich habe es erst gemerkt, als ich dich verletzt habe. Und es tut mir leid. Und ich will es besser machen. Immer. Ich will der sein, der dasteht und etwas sagt.“

Er unterbrach sich, wischte sich die Augen.

„Und ich will, wenn du willst, dein Freund sein. Mehr als das. Wenn du’s willst. Ich weiß nicht, ob ich gut darin bin. Ich weiß nur, dass ich es versuchen will.“

Finn stand da und konnte nichts sagen.

Seine Kehle war zu eng. Seine Augen brannten. Er sah Ben an, diesen großen, offenen, zitternden Jungen in einer geliehenen Strickmütze, und alles, was er in den letzten Monaten zurückgehalten hatte, brach in ihm auf wie das Eis eines Flusses im Frühling.

„Ben“, flüsterte er.

„Ja?“

„Ich habe in deinen ersten Satz ‚Ich bin ein bisschen verliebt‘ gelesen, und ich habe gedacht, es sei jemand anderes.“

„Wer sollte es sonst sein?“

„Ich weiß es nicht.“

„Es warst immer nur du.“

Finn lachte und weinte gleichzeitig. Er trat einen Schritt vor, dann noch einen, bis sie so nah beieinander standen, dass ihre Atemwolken sich mischten. Dreißig Zentimeter. Zwanzig. Zehn.

„Ich habe auch jemanden gesehen, auf einer Tribüne, durch den Lärm hindurch“, sagte er leise. „Und ich habe ihm gesagt: Gern. Immer. Und ich habe es genau so gemeint.“

„Finn …“

„Ja.“

„Darf ich?“

„Ja.“

Ben legte ihm beide Hände an die Wangen. Seine Handschuhe waren nass und kalt, aber seine Daumen strichen sanft über die Haut. Er beugte sich vor. Finn schloss die Augen.

Und dann küssten sie sich.

Es war ein sehr leiser Kuss. Nichts Dramatisches, nichts, was in einem Film hätte stehen können. Nur zwei Lippenpaare, kalt vom Wind und warm von innen, die sich fanden und dort blieben. Ein Moment so still, dass man das Meer hören konnte. Dass man die eigenen Wimpern zählen konnte. Dass man das Gefühl hatte, die Welt halte kurz den Atem an, um nichts zu stören.

Als sie sich lösten, lächelten beide. Es war ein zittriges, ungläubiges Lächeln.

„Hi“, flüsterte Ben.

„Hi.“

„Das war …“

„Ja.“

„Ich hab keine Worte.“

„Brauchst du nicht.“

Ben lachte. Dann lehnte er die Stirn an Finns Stirn und blieb so stehen, mit geschlossenen Augen, mit schnellem Atem, mit dem Gesicht eines Menschen, der nicht fassen kann, dass etwas wahr geworden ist.

* * *

Sie blieben noch lange oben.

Ben holte die Thermoskanne heraus und goss heißen Tee in zwei Becher, und sie saßen auf dem Boden des Laternenhauses, Schulter an Schulter, die Beine gegen die kalte Linse gestemmt, und aßen Brote mit Käse und Gummibärchen. Draußen zog der Himmel zu, die Wolken färbten sich bläulich-grau, und es begann leise zu schneien.

„Ich hab es fast gewusst“, sagte Ben irgendwann.

„Wirklich?“

„Als ich in deinem Flur den Leuchtturm gesehen habe. Und die Stifte. Ich hab sie für Anselm gekauft, aber ich hab sie in Wahrheit für dich gekauft. Verstehst du? Ich hab den Namen draufschreiben lassen, weil ich dachte: Wenn der Zeichner zufällig jemand ist, den ich kenne, dann hat er sie auch verdient.“

„Du hast mich schon gesehen, bevor du mich gesehen hast.“

„Sieht so aus.“

„Das ist ziemlich schön.“

„Ja.“ Ben stieß seine Schulter gegen Finns. „Kannst du mir die nächste Seite vorher zeigen?“

„Warum?“

„Weil ich wissen will, wie die Geschichte weitergeht.“

„Das weiß ich noch nicht.“

„Echt nicht?“

„Nein.“ Finn sah hinaus in den Schnee. „Aber ich glaub, ich hab eine Idee.“

„Verrätst du’s?“

„Anselm verlässt den Turm.“

„Warum?“

„Weil jemand gerufen hat.“

Ben legte den Arm um ihn. Finn lehnte den Kopf an seine Schulter.

Unter ihnen rauschte das Meer. Über ihnen ratterte der Wind an den alten Scheiben. Und irgendwo, ganz weit hinten, in der dämmernden Stadt, gingen die ersten Lichter an.

„Wir sollten zurückgehen“, murmelte Finn nach einer Weile. „Es wird dunkel.“

„Noch fünf Minuten.“

„Du hast Hunger.“

„Ich hab nicht nur Hunger.“

„Was dann?“

„Ich bin glücklich“, sagte Ben. „Das ist ein ungewohntes Gefühl. Ich will es noch ein bisschen behalten.“

Finn schloss die Augen. Er hörte das Meer, den Wind, Bens Herzschlag an seiner Schulter.

Fünf Minuten wurden zehn. Zehn wurden zwanzig. Und niemand rechnete mehr.