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Zwischenspiel: Pia ermittelt (Fall 14)

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Aus dem Detektiv-Tagebuch von Pia Albrecht, zwölf Jahre und fünf Monate alt. Streng geheim. Wer dieses Heft ohne Erlaubnis liest, wird mit einem Fischkopf bestraft.

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Seite 1

Fall 14: Der Junge mit der Wasserflasche.

Ermittlerin: Pia Albrecht (ich). Assistent: Keiner. Assistenten schwatzen. Hauptverdächtiger: Finn Albrecht (mein Bruder). Nebenverdächtiger: Ben Kowalski (der Junge). Tatbestand: Verliebtheit. (Vermutung.)

Beweise bisher: 1. Finn lächelt neuerdings auf sein Handy. Er lächelt sonst nur auf Papier. 2. Finn hat letzte Woche beim Abendessen den Kartoffelsalat salzen wollen, obwohl er schon gesalzen war. Er hat ihn dreimal gesalzen. Er hat gar nicht gemerkt, dass ich ihn beobachte. 3. Finn hat im Badezimmer ein neues Duschgel. (Mit Zitrone.) (Er hat noch nie ein Duschgel mit Zitrone benutzt.) 4. Finn hat gestern Abend vor dem Spiegel „Hallo, Ben“ gesagt. Zweimal. Mit verschiedenen Betonungen.

Zwischenergebnis: Der Fall ist so gut wie gelöst. Es fehlt nur noch das Geständnis.

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Seite 2

Samstag, 18. Oktober.

Heute war der Verdächtige Ben bei uns in der Räucherei. Ich habe die Gelegenheit genutzt und alle Gespräche mitgehört (Position: hinter der Tür des Kühlraums, Dauer: 47 Minuten, Temperatur: kalt, Folge: Schnupfen).

Beobachtungen: – Ben hat sich vor Papa total blöd angestellt. (Er hat einen Lachs wie ein Baby gehalten.) (Papa hat trotzdem gelächelt. Papa lächelt nur zu Ofen und Fisch. Es ist also Zuneigung.) – Mama hat ihm eine Zimtschnecke gegeben und zwei Blicke zugeworfen. Ich habe sie als „prüfend“ und „freundlich“ klassifiziert. Sie hat ihn gemocht. – Finn hat ihn die ganze Zeit angeschaut, wenn er dachte, dass keiner guckt. Ich habe es siebenmal gezählt. – Ben hat Finn auch angeschaut, wenn Finn dachte, dass keiner guckt. Ich habe es achtmal gezählt. (Er ist besser im Schauen als Finn. Das ist ein Wettbewerbsvorteil.)

Neuer Beweis: Ben hat mir einen Krimi geschenkt.

Das ist ein Bestechungsversuch. Ich nehme ihn an.

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Seite 3

Gleicher Tag, später.

Ich habe Ben mein Zimmer gezeigt. (Das ist Tradition. Seit heute.) Dabei hat er neugierig zum Flur geschaut, zum Zimmer von Finn. Ich habe ihn aufgehalten. Er hat gesagt: „Ich geh nicht rein, ich guck nur.“ Das ist dasselbe.

Er hat dort eine Zeichnung gesehen. Den Leuchtturm.

Ich wusste, was es war. Finn hat ihn mir im Juni gezeigt, als ich sein Tablet leihen wollte. Es ist ein Comic. Er heißt „Leuchtturm“. Er ist von Finn. Er ist geheim. Ich habe geschworen, nichts zu sagen. (Auf mein Detektiv-Ehrenwort.)

Ben hat den Leuchtturm lange angeschaut. Er sah aus, als hätte er ein Rätsel gelöst und wüsste noch nicht, ob er die Lösung glauben soll.

Analyse: Er hat Verdacht geschöpft.

Aktion: Ich habe nichts gesagt. Ich habe ihm stattdessen die Treppe gezeigt. (Es ist eine sehr interessante Treppe. Sie knarrt an der dritten Stufe.)

Notiz an mich selbst: Wenn Finn den Comic nicht sagen will, ist das seine Sache. Eine gute Detektivin weiß, wann man schweigt.

Zweite Notiz an mich selbst: Ich hasse es zu schweigen.

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Seite 4

Samstag, 18. Oktober, 23:12 Uhr.

Ich konnte nicht schlafen. Ich habe Licht in der Räucherei gesehen und bin hinuntergegangen. Papa stand vor dem Ofen, im Dunkeln, mit einer Tasse Tee, und hat vor sich hin geschaut.

Ich habe gefragt: „Was machst du hier?“

Er hat gesagt: „Ich denke.“

Ich habe gefragt: „Worüber?“

Er hat gesagt: „Über Finn.“

Ich habe mich auf den Kundenhocker gesetzt. (Das darf ich eigentlich nicht, nach zehn Uhr.) (Er hat nichts gesagt.)

Papa hat gesagt: „Er war früher so laut.“

Ich habe gesagt: „Finn? Der war nie laut.“

Papa hat gesagt: „Doch. Als er klein war. Er hat den ganzen Tag gesungen. Im Hof. Auf dem Dach. Überall. Mama hat ihm einen Namen gegeben: Spatz.“

Ich habe gesagt: „Er singt nicht mehr.“

Papa hat gesagt: „Nein.“

Dann war es lange still. Dann hat Papa gesagt: „Ich hab gedacht, vielleicht fängt er wieder an.“

Ich habe gesagt: „Mit Ben?“

Papa hat nicht geantwortet. Aber er hat einen Schluck Tee genommen und gelächelt.

Ich habe gemerkt: Papa hat es auch gemerkt. Und Mama. Wir wissen es alle. Es ist ein Familiengeheimnis, das niemand ausspricht, weil alle Angst haben, dass es verschwindet, wenn man es laut sagt.

Ich habe beschlossen, nicht der Grund zu sein, dass es verschwindet.

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Seite 5

Montag, 20. Oktober.

Heute habe ich Beweis Nummer 7 gesammelt: Finns Zimmer. (Ich habe angeklopft. Er hat „Ja“ gesagt. Ich bin reingegangen.)

Er saß am Schreibtisch und zeichnete. Er hat mich nicht angesehen, aber er hat gelächelt, als ich mich aufs Bett gesetzt habe.

Ich habe gesagt: „Ben ist nett.“

Er hat gesagt: „Ja.“

Ich habe gesagt: „Papa mag ihn.“

Er hat gesagt: „Ja.“

Ich habe gesagt: „Und Mama.“

Er hat gesagt: „Ja, Pia.“

Ich habe gesagt: „Willst du ihn heiraten?“

Er hat den Stift fallen lassen.

Ich habe ihn aufgehoben und ihm zurückgegeben. Er hat gesagt: „Du bist unmöglich.“

Ich habe gesagt: „Ich bin Ermittlerin.“

Dann haben wir beide gelacht. Es war ein Lachen, das ich lange nicht von ihm gehört habe. Es hat sich angefühlt wie früher, als er noch auf dem Dach sang.

Ich habe in diesem Moment gewusst: Der Fall ist gelöst.

Ich habe ihn trotzdem noch nicht abgeschlossen. Ein guter Detektiv schließt keinen Fall ab, solange das Happy End nicht bewiesen ist.

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Seite 6

Samstag, 8. November.

Neue Entwicklung: Finn redet nicht mehr über Ben.

Das ist ein schlechtes Zeichen. Er sitzt viel in seinem Zimmer. Er geht früh zur Schule und kommt spät zurück. Er lächelt nicht mehr auf Handys.

Ich habe Lotte gefragt. Sie hat gesagt: „Es gab einen Vorfall.“ Ich habe gesagt: „Was für einen?“ Sie hat gesagt: „Das darf ich nicht sagen.“

Ich habe beschlossen, nicht zu ermitteln.

Stattdessen habe ich Finn jeden Abend Kakao gebracht und hingestellt, ohne etwas zu sagen. (Das ist die höchste Form der Ermittlungsarbeit: sich bereithalten.)

Er hat ihn getrunken. Jeden Abend. Und jeden Abend hat er sich bedankt. Leise.

Heute hat er zum ersten Mal gesagt: „Pia, danke. Ich glaube, ich komm bald wieder in Ordnung.“

Ich habe gesagt: „Ich weiß.“

Ich wusste es nicht. Aber ich habe es geglaubt.

Ein guter Detektiv glaubt manchmal etwas, das noch nicht bewiesen ist.

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Seite 7

Samstag, 3. Januar.

Finn ist heute früh aus dem Haus gegangen, mit einer Mappe unter dem Arm. Er hat gesagt, er trifft sich mit Ben, bei Kap Rotenhorn.

Ich habe gewusst, was das heißt.

Ich habe den ganzen Tag im Fenster gesessen und Krimis gelesen, ohne eine einzige Seite zu verstehen. Mama hat mir Tee gebracht. Papa hat in der Räucherei sehr viele Bleche sehr laut hin und her geschoben.

Um fünf kam Finn zurück.

Er kam durch die Tür, und ich habe sein Gesicht gesehen. Und ich wusste: Es ist gut. Es ist so gut, dass er es nicht sagen kann.

Er hat mich angesehen. Ich habe ihn angesehen.

Er hat gesagt: „Pia.“

Ich habe gesagt: „Ja?“

Er hat gesagt: „Du hattest recht. Die ganze Zeit.“

Dann hat er geweint. Und ich auch. Und dann haben wir beide gelacht. Und dann hat Mama „Kakao!“ gerufen, und wir sind in die Küche gegangen, und Papa hat eine rote Zipfelmütze aufgesetzt, obwohl Januar war, und wir haben alle zusammen am Tisch gesessen und Kartoffelsalat gegessen (mit Würstchen), und es war das schönste Abendessen aller Zeiten.

Fall 14: Gelöst.

Ergebnis: Ich bin Detektivin. Und Schwester. Und beides ist dasselbe.

(Ende der Akte.)

(Neue Akte: Fall 15 – Der Schatz in der Flasche. Beginn: Morgen.)