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Zwischenspiel: Tobi und der Container (Februar)

Vignette

Nicht jeder, der anderen wehtut, weiß, warum er es tut. Und nicht jeder, der es verstanden hat, weiß, wie er es zurücknehmen soll.

Tobias Raake saß im Dunkeln auf dem Rand eines Müllcontainers hinter der Sporthalle und wartete darauf, dass jemand ihn fand.

Es war Mitte Februar, kurz vor sieben, und der Himmel über Warnholm hatte die Farbe von nassem Beton. Die Container standen in einer Reihe an der Rückwand der Halle, groß, blau, mit Deckeln, die im Wind klapperten. Es roch nach Pappe, Schimmel und altem Kaugummi. Ein einsames Neonlicht flackerte über der Hintertür.

Er hatte gerade Lennart Fiedler hierher geschleppt.

Das heißt: nicht geschleppt, nicht wörtlich. Er hatte ihn am Kragen gepackt, als er ihn mit dem Filzstift in der Hand vor Finns Spind erwischt hatte, und war mit ihm um die Ecke gegangen, zum einzigen Ort, an dem niemand zuhörte. Er hatte ihm gesagt, was er zu sagen hatte. Kurz. Mit gesenkter Stimme. Mit einer Kälte, die er selbst nicht kannte.

Wenn du das nochmal machst, schmeiß ich dich in den Container.

Lennart war weiß geworden und weggerannt. Und Tobi stand jetzt allein im Neonlicht, mit zitternden Händen, und fragte sich, was zum Teufel er gerade getan hatte.

* * *

Sein Vater, Holger Raake, war ein Mann mit starken Meinungen.

Er leitete ein Autohaus am Stadtrand, trug Hemden mit eingesticktem Firmenlogo und hatte zu jedem Thema der Weltgeschichte eine Ansicht, die er beim Abendessen mit der Gabel unterstrich. Er war nicht grausam. Er hatte seinen Sohn nie geschlagen, nie gedemütigt, nie angeschrien. Er hatte nur eine Art, Dinge zu sagen, die in den Raum fielen wie schwere Kugeln.

„Der Junge von den Nachbarn, der ist ja so ein bisschen … weich. Das gibt sich hoffentlich.“

„Zu meiner Zeit hätte man das nicht so offen gemacht.“

„Ein Mann muss wissen, wer er ist.“

Tobi hatte jahrelang zugehört. Er hatte genickt. Er hatte gelacht, an den richtigen Stellen. Er hatte gelernt, wie man mit Witzen an der Oberfläche blieb, wie man sich mit Spott schützte, der schneller war als jeder Verdacht. Er hatte das Spiel beherrscht wie andere ein Instrument.

Er hatte nicht gewusst, dass es ein Spiel war.

Erst im vergangenen Sommer hatte er begonnen, etwas zu ahnen. Auf einem Handballturnier in Kiel, in einem Zeltlager, in dem er nachts wachgelegen und den Atem von Mehmet im Nachbarbett gehört hatte. Nicht, dass er sich in Mehmet verliebt hatte. Das war es nicht. Es war nur das Gefühl, dass er jemanden beobachtete, ohne zu wissen, warum. Und dass etwas in ihm, tief unten, sehr still und sehr deutlich, Ja sagte.

Er hatte es sofort weggeschoben. Er hatte sich gesagt: Das ist die Müdigkeit. Das ist das Zelt. Das ist nichts.

Aber es war nicht weggegangen.

* * *

„Tobi?“

Er hob den Kopf. Am Rand des Neonlichts stand Ben Kowalski, in seiner Trainingsjacke, mit einer Sporttasche über der Schulter.

Für einen Moment sagte keiner etwas.

„Samira meinte, du seist hier“, sagte Ben schließlich.

„Samira weiß alles.“

„Ja.“

Ben kam näher. Er blieb in zwei Metern Abstand stehen, die Hände in den Jackentaschen. Sein Gesicht war ruhig, aber wachsam, wie das eines Menschen, der nicht weiß, ob ein Hund beißt oder nur knurrt.

„Ich hab gehört, was du mit dem Neuntklässler gemacht hast“, sagte er.

„Er hatte es verdient.“

„Ja.“

„Er hat den Zettel geschrieben.“

„Ich weiß.“

„Ich wollte nicht … ich hab ihn nicht angefasst. Ich hab nur …“

„Ich weiß, Tobi.“

Tobi schluckte. Er hasste, dass seine Stimme brach. Er hasste, dass er hier saß, auf einem Container, wie ein Kind, das sich versteckt, und dass der Typ, den er seit Monaten schikaniert hatte, jetzt vor ihm stand und auch noch freundlich war.

„Warum bist du nett zu mir?“, fragte er heiser.

„Bin ich nicht.“

„Doch.“

„Ich bin nur nicht gemein.“

„Das ist das Gleiche.“

„Nicht ganz.“ Ben setzte sich auf den Rand eines Bordsteins, in sicherer Entfernung. „Ich war eine ganze Weile selbst nicht nett. Zu Finn. Zu mir. Ich weiß, wie sich das anfühlt.“

„Ich hab ihn Kunstfreak genannt.“

„Ich weiß.“

„Und Schlimmeres.“

„Ich weiß auch das.“

„Und trotzdem sitzt du hier.“

„Ja.“

Sie schwiegen. Der Wind klapperte an den Deckeln. Irgendwo in der Ferne heulte ein Martinshorn, lang und sich entfernend.

„Du musst es mir nicht sagen“, sagte Ben. „Was auch immer es ist. Ich will nur, dass du weißt, dass die Tür offen ist.“

„Welche Tür?“

„Die, durch die ich neulich gegangen bin.“

Tobi sah auf seine Hände. Seine Fingerknöchel waren weiß.

„Ich war nicht gegen euch“, sagte er leise.

„Das hab ich nie gedacht.“

„Doch. Du hast.“

„Na ja. Ein bisschen.“

„Ich war gegen mich.“

Es fiel ihm schwer, den Satz auszusprechen. Er kam heraus wie ein Splitter, der aus einer Wunde gezogen wird: schmerzhaft, aber mit einer sofortigen, schockierenden Erleichterung.

Ben antwortete nicht. Er wartete.

„Ich weiß nicht, was ich bin“, murmelte Tobi. „Ich weiß nur, dass es … dass ich … dass ich Angst habe, Ben. Und dass ich die Angst auf andere abgeladen hab, weil ich nicht wusste, wohin sonst damit.“

„Das ist ein ziemlich guter Satz.“

„Hab ich im Fernsehen gehört.“

Ben lachte, und Tobi musste ebenfalls lachen, kurz und nass, und plötzlich merkte er, dass ihm die Tränen über das Gesicht liefen.

„Scheiße“, murmelte er.

„Ja.“

„Das ist peinlich.“

„Überhaupt nicht.“

Ben stand auf. Er kam herüber, setzte sich neben ihn auf den Container, schob die Sporttasche zwischen sie. Er sagte kein Wort. Er legte nur eine Hand auf Tobis Schulter, ganz leicht, und ließ sie dort.

Tobi weinte. Leise, ohne Schluchzen, mit zusammengebissenen Zähnen und zuckendem Kinn. Es dauerte fünf Minuten. Vielleicht zehn. Ben blieb die ganze Zeit sitzen.

„Ich muss nichts entscheiden“, sagte Tobi irgendwann.

„Nein.“

„Ich muss mich nicht festlegen.“

„Nein.“

„Ich muss nur … nicht mehr so tun.“

„Genau.“

„Das ist schwer.“

„Ja.“

„Wie hast du das gemacht?“

Ben dachte nach. „Ich bin einfach nicht mehr weggelaufen“, sagte er schließlich. „Und dann hab ich jemanden gefunden, der mit mir stehengeblieben ist.“

* * *

Als Tobi eine Stunde später nach Hause kam, saß sein Vater im Wohnzimmer vor dem Fernseher.

Es lief ein Quizprogramm. Holger Raake rief die Antworten laut in den Raum, wie ein Mann, der nur auf Gelegenheiten wartet, Recht zu haben.

„Wo warst du?“, fragte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.

„Training.“

„Das war vor zwei Stunden zu Ende.“

„Ich war noch bei Ben.“

„Kowalski?“

„Ja.“

„Der mit dem … na ja.“ Holger machte eine vage Handbewegung. „Der, von dem man jetzt so viel hört.“

Tobi stand im Türrahmen. Sein Herz klopfte. Er wusste nicht, wo der Mut herkam, aber er war da, ein kleiner, harter Kern in seiner Brust.

„Ja, Papa“, sagte er. „Der.“

Holger drehte endlich den Kopf. Er sah seinen Sohn an, und etwas in seinen Augen veränderte sich, ein winziges, kaum sichtbares Flackern.

„Was ist mit ihm?“

„Er ist mein Freund.“

„Dein Freund.“

„Mein Kapitän. Mein Freund.“

Holger öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Dann schloss er ihn wieder.

Es war still im Wohnzimmer. Im Fernseher lachte das Publikum über einen Witz, den niemand gehört hatte.

„Hm“, sagte Holger schließlich.

„Hm?“

„Ich überlege.“

Tobi wartete. Er hörte seinen eigenen Atem. Er zählte die Sekunden.

„Er ist ein guter Spieler“, sagte Holger langsam.

„Ja.“

„Ich habe ihn bei dem Spiel gegen Nordstrand gesehen. Der Wurf in der letzten Minute.“

„Ja.“

„Das war ein guter Wurf.“

„Ja.“

„Dann …“ Holger zuckte mit den Schultern, wandte sich wieder dem Fernseher zu und sagte, mit einer Stimme, die zu laut war, um gleichgültig zu klingen: „Dann sollst du ihn halt behalten.“

Tobi nickte. Er ging in sein Zimmer. Er schloss die Tür. Er ließ sich aufs Bett fallen und starrte an die Decke.

Es war nichts Großes gewesen. Nichts, was man filmen oder aufschreiben würde. Nur ein Satz in einem Wohnzimmer, ein einziger, halbherziger, widerwilliger Satz.

Aber es war mehr, als er zu hoffen gewagt hatte.

Ein Anfang, dachte er.

Und zum ersten Mal seit langem schlief er ein, ohne zu fürchten, was der nächste Morgen von ihm verlangen würde.