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Kapitel 14: Gegenwind

Illustration zu Kapitel 14

Am Montag nach dem Abendessen stand Ben um Punkt achtzehn Uhr in der Kabine der Handballmannschaft und fühlte sich, als habe man ihm Blei in die Schuhe gegossen.

Die Jungs kamen nach und nach herein: Jannik und Mehmet vom Kreis, Leon und Dominik von den Außen, die Zwillinge Ole und Jasper, die niemand auseinanderhalten konnte, Tobi, der in der Ecke lässig seine Tasche abstellte, und Samira, die als Torfrau offiziell in der Männermannschaft trainierte, seit sie mit vierzehn den Jungs im Landeskader die Bälle abgenommen hatte. Es roch nach Harz, Deo und feuchtem Rasen. Jemand hatte das Fenster auf Kipp gestellt, und von draußen drang die kalte Februarluft herein.

„Hey, Käpt’n“, rief Jannik. „Alles klar?“

„Ja.“

„Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

„Ich muss euch was sagen.“

Das Gespräch in der Kabine erstarb. Einer nach dem anderen sah auf. Samira, die gerade ihre Handschuhe anzog, hielt mitten in der Bewegung inne und sah Ben direkt in die Augen. Sie nickte kaum merklich.

Du schaffst das.

Ben atmete tief durch. Er hatte den Satz geübt. Er hatte ihn kurz gemacht.

„Ich bin schwul“, sagte er. „Ich hab einen Freund. Er heißt Finn. Er ist der aus dem Kunstkurs. Ich wollte, dass ihr es von mir hört, bevor ihr es von jemand anderem hört.“

Stille.

Keiner bewegte sich. Draußen auf dem Flur quietschten Schuhe. Irgendwo tropfte ein Wasserhahn.

Dann sagte Mehmet, mit seiner tiefen, ruhigen Stimme: „Und?“

Ben blinzelte. „Und was?“

„Und was ist das Problem?“

„Es gibt … kein Problem.“

„Dann gibt’s keins.“ Mehmet zuckte mit den Schultern. „Wir spielen Handball. Du bist unser Käpt’n. Das ändert sich nicht.“

„Aber …“

„Aber nichts. Willst du jetzt ein Trikot oder eine Rede?“

Jannik lachte. Leon sagte: „Cool für dich, Mann.“ Die Zwillinge nickten gleichzeitig. Dominik stand auf, kam herüber, boxte ihm leicht gegen die Schulter und sagte: „Dein Freund malt ziemlich gut, hab ich gehört.“

Ben wusste nicht, was er antworten sollte. Er stand nur da und spürte, wie sich in seiner Brust etwas Warmes ausbreitete, etwas, von dem er geglaubt hatte, es nie zu bekommen: das Gefühl, dass die Welt nicht zusammenbricht, wenn man sie anspricht.

„Danke“, sagte er.

„Du musst nicht danken“, sagte Mehmet. „Setz dich. Wir haben Training.“

Nur einer sagte nichts.

Tobias Raake stand in der Ecke, mit verschränkten Armen, und starrte auf seine Sportschuhe. Sein Gesicht war unlesbar. Die Muskeln an seinem Kiefer arbeiteten.

Dann hob er den Kopf, sah Ben ein paar Sekunden lang an und sagte:

„Ich muss pinkeln.“

Er ging hinaus. Die Tür schlug leise zu.

Samira kam an Bens Seite und flüsterte: „Lass ihn.“

„Ich lasse ihn.“

„Er braucht Zeit.“

„Ich weiß.“

„Du hast es gut gemacht.“

„Ich hab fast gekotzt.“

„Aber du hast es gut gemacht.“

* * *

Die erste Woche war leicht. Eine Woche lang war alles besser, als Ben es sich vorgestellt hatte.

Auf dem Schulflur wurde getuschelt, ja. Er hörte es, spürte die Blicke im Rücken, die Köpfe, die sich zusammensteckten. Aber es war nicht die Art von Tuscheln, die er befürchtet hatte. Es war eher ein Staunen. Eine Neugier. Ein Mädchen aus der Parallelklasse hielt ihn an und sagte: „Ich find’s mutig.“ Ein Junge aus der Zehnten nickte ihm im Vorbeigehen zu. Der Hausmeister sagte beim Vorbeigehen: „Moin, Ben. Wenn dir einer dumm kommt, sag Bescheid.“

Finn und Ben gingen jetzt gemeinsam in die Schule. Sie fuhren Seite an Seite, das rote Rennrad und Finns schwarzes Stadtrad, vom Hafen bis zum Schulhof. Am Fahrradständer stellten sie die Räder nebeneinander. Manchmal, wenn niemand hinsah, streifte Bens Hand kurz Finns.

In der Pause saßen sie auf der Betonbank unter der kahlen Linde, mit Lotte und Samira und einem Becher Kakao, den sie sich teilten. Lotte erzählte von ihren Plänen für eine Sonderausgabe der Schulzeitung. Samira erzählte von einem Torwart-Camp im Sommer. Und Finn lehnte sich an Bens Schulter und dachte: So kann es bleiben. Genau so.

Dann kam der Zettel.

* * *

Finn fand ihn an einem Donnerstag, in seinem Spind.

Er hatte die Tür gerade geöffnet, um sein Mathebuch herauszunehmen, als ein weißes Stück Papier auf den Boden fiel. Er hob es auf, ohne zu überlegen. Es war zweimal gefaltet, ein einfacher DIN-A4-Zettel, ausgerissen aus einem Collegeblock.

Er faltete ihn auseinander.

In dicken, schwarzen Buchstaben, mit einem Filzstift geschrieben, standen dort zwei Wörter.

GEH WEG.

Darunter, kleiner, gezeichnet: ein Regenbogen, durchgestrichen.

Finn stand da. Die Welt wurde sehr still. Der Lärm des Flurs, das Rufen, das Klappern der Spinde, alles schien weit weg zu rücken, als blicke er durch das falsche Ende eines Fernrohrs. Sein Herz klopfte langsam und schwer.

Er faltete den Zettel wieder zusammen. Er steckte ihn in die Hosentasche. Er nahm sein Mathebuch und schloss den Spind.

Er sagte niemandem etwas.

* * *

Ben fand ihn zwei Tage später auf dem Dachboden der Aula.

Es war Samstagmorgen, die Schule war leer bis auf ein paar Chormitglieder, die im Musiksaal probten. Das Dach knarrte. Durch das runde Fenster fiel graues Licht auf die Holzdielen, und Finn saß mit angezogenen Knien auf der Brüstung, das Skizzenbuch auf dem Schoß, ohne zu zeichnen.

„Hier bist du“, sagte Ben.

Finn zuckte nicht zusammen. Er sah nur kurz auf, lächelte schwach und senkte den Blick wieder.

„Ich hab überall gesucht“, sagte Ben. „Zu Hause. Am Hafen. Lotte meinte, du seist vielleicht hier.“

„Lotte weiß alles.“

„Lotte hat dich auch zu mir gebracht.“

„Ja.“

Ben setzte sich neben ihn. Er sagte nichts. Er wartete, wie er es von Samira gelernt hatte: einfach daneben sitzen und Raum lassen.

Nach einer Weile zog Finn den zerknitterten Zettel aus der Tasche und gab ihn ihm.

GEH WEG.

Ben las es. Sein Gesicht veränderte sich nicht, aber seine Hand ballte sich langsam zur Faust. Das Papier knisterte.

„Wann?“

„Donnerstag.“

„Und da hast du nichts gesagt.“

„Ich wollte nicht, dass du dich aufregst.“

„Finn.“

„Ich wollte es erst verstehen.“

„Was gibt’s da zu verstehen?“

„Wer es war.“

„Das weiß ich.“

„Du weißt es nicht.“

„Ich ahne es.“

„Du ahnst.“ Finn drehte den Kopf. „Ben, wenn du jetzt zu Tobi gehst und ihm die Nase brichst, dann hat er gewonnen. Dann bist du der Böse. Dann ist es genau das, was alle erwartet haben.“

„Das ist mir egal.“

„Mir nicht.“

Ben sah ihn an, und etwas in seinem Blick wurde weich. Er öffnete die Faust. Er legte den Zettel zwischen sie auf die Brüstung und nahm Finns Hand.

„Es tut mir so leid“, sagte er.

„Du kannst nichts dafür.“

„Ich bin der Grund.“

„Nein.“ Finn schüttelte den Kopf. „Du bist nicht der Grund. Der Grund ist, dass jemand Angst hat und die Angst weitergibt wie eine Krankheit.“

„Das klingt wie aus dem Comic.“

„Es ist aus dem Comic.“

Ben lächelte, schmal und traurig. „Willst du, dass ich es dem Direktor melde?“

„Nein.“

„Willst du, dass ich meinem Vater …“

„Nein.“

„Was willst du dann?“

Finn überlegte. Er sah hinaus, durch das runde Fenster, auf die grauen Dächer von Warnholm, den Hafen, das Meer dahinter. Der Wind trieb dünne Wolken über den Himmel.

„Ich will nicht weglaufen“, sagte er leise. „Ich bin im Februar weggelaufen. Ich bin im Oktober weggelaufen. Ich will diesmal bleiben.“

„Dann bleiben wir.“

„Zusammen?“

„Zusammen.“

Er spürte, wie Ben seine Hand drückte. Fest. Warm. Unerschütterlich.

„Aber ich will dir etwas versprechen“, sagte Ben.

„Was?“

„Ich werde nie wieder schweigen. Nie. Wenn jemand irgendwas sagt, wenn jemand dich anstarrt, wenn jemand lacht, dann steh ich da. Und ich sag was. Auch wenn meine Stimme zittert.“

„Ben …“

„Ich meine das ernst.“

„Ich weiß.“ Finn lehnte den Kopf an seine Schulter. „Ich glaub dir.“

* * *

Es war Samira, die herausfand, wer den Zettel geschrieben hatte.

Sie tat es auf ihre Weise, mit der Geduld einer Torfrau und dem Gespür einer Detektivin. Sie hörte zu, wenn in den Pausen getuschelt wurde. Sie sprach mit den Mädchen aus der Zehnten, die oft mehr wussten, als ihnen lieb war. Und am Dienstag darauf stand sie vor Ben, in der Umkleide, und sagte:

„Es war nicht Tobi.“

„Was?“

„Der Zettel. Es war ein Neuntklässler. Lennart Fiedler. Er hat’s einem Freund erzählt, der’s einer Freundin erzählt hat, die’s mir erzählt hat. Er hat es aus Spaß gemacht. Weil er sich cool vorkam.“

Ben schloss die Augen. „Ein Neuntklässler.“

„Ja.“

„Und Tobi?“

Samira zögerte. „Tobi hat ihn erwischt.“

„Was?“

„Er hat ihn auf dem Gang erwischt, mit dem Filzstift in der Hand. Und er hat gesagt …“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Er hat gesagt: ‚Wenn du das nochmal machst, schmeiß ich dich in den Container.‘“

Ben starrte sie an.

„Tobi?“

„Tobi.“

„Der Tobi, der mich seit Monaten …“

„Genau der.“

„Aber warum?“

„Das hab ich ihn auch gefragt.“ Samira lehnte sich gegen die Spinde. „Er hat gesagt, er hat selbst Dreck am Stecken. Dass er sich an Dinge erinnert, die er gesagt hat. Dass er … nicht stolz drauf ist.“

„Das hat er gesagt?“

„So ungefähr.“ Sie lächelte schwach. „Mehr als sonst jedenfalls.“

Ben sank auf die Bank. Er rieb sich das Gesicht mit beiden Händen.

„Ich verstehe es nicht“, murmelte er. „Wie kann jemand so mies sein und trotzdem …“

„Menschen sind nicht eindeutig.“

„Das ist ein Satz aus einem Buch.“

„Ich lese viel.“

Ben lachte, müde. „Und was mach ich jetzt mit ihm?“

„Du?“, fragte Samira. „Nichts. Er ist dran.“

* * *

Dann kam der Mai, und mit ihm das Schulfest.

Es hieß Seeluft, wie jedes Jahr, und es war das größte Ereignis des Schuljahres nach der Abiturfeier. Der gesamte Schulhof wurde mit Buden und Bühnen vollgestellt: Kuchenstände, Musikgruppen, Theater-Aufführungen, ein Flohmarkt, ein Torwandschießen, an dem Samira unangefochten die Rekorde hielt. Das Wetter hatte sich für einmal an die Planung gehalten. Über Warnholm spannte sich ein klarer, hellblauer Himmel, in dem Möwen kreisten, und vom Meer her wehte ein sanfter, salziger Wind.

In der Eingangshalle der Schule, unter der großen Treppe, hatte Frau Dr. Ehlers eine Ausstellung aufgebaut. Sie hing zwischen den Plakaten der Kunstkurse und den Abiturzeichnungen. Auf einer langen, weißen Stellwand, in vierunddreißig sorgfältig gerahmten Blättern, prangte eine Geschichte, die jeder in dieser Stadt schon einmal gesehen haben konnte, ohne zu wissen, woher sie kam.

LEUCHTTURM – ein Comic von F. A.

Finn blieb vor der Wand stehen.

Er hatte es gewusst. Frau Ehlers hatte ihn vor Wochen gefragt, ob sie die Seiten zeigen dürfe, ohne seinen Namen, ohne Hinweis, nur als „Arbeit eines Schülers der Oberstufe“. Er hatte nach langem Zögern ja gesagt. Aber er hatte nicht geahnt, wie es sein würde, seine eigenen Linien an einer Wand zu sehen. Groß. Gerahmt. Von Dutzenden Menschen betrachtet.

Da war Anselm im ersten Panel, am Fenster, mit der Pfeife. Da war der Brief in der Flasche. Da war der Sturm. Da war der Satz, den er in den dunkelsten Nächten des Winters geschrieben hatte. Wenn jemand ein Licht anmacht, wartet vielleicht jemand darauf, dass es ihm leuchtet.

Und da, ganz rechts, auf dem vorletzten Blatt, war Seite sechsunddreißig: der Mann im Türrahmen mit der Laterne, der in den Schnee hinaustrat.

Neben ihm stand Lotte, in einem neongelben Top, mit ihrer Kamera um den Hals, und flüsterte: „Du hast es nicht gesagt.“

„Was?“

„Dass es so groß ist.“

„Es ist nicht groß.“

„Es ist riesig.“

„Es ist Papier.“

„Es ist du.“

Er antwortete nicht. Er spürte, wie sich neben ihm eine vertraute Wärme näherte, und dann schob sich eine Hand in seine.

„Ben“, sagte er.

„Hi.“

„Du hast mir nicht gesagt, dass es so aussieht.“

„Ich hab’s auch nicht gewusst.“ Ben ließ den Blick über die Wand wandern. Sein Gesicht war ernst, voller Staunen. „Wow. Du hast … das alles gemacht.“

„Ja.“

„Es ist unglaublich.“

„Du sagst das nur, weil du …“

„Ich sag das, weil es wahr ist.“ Ben drehte sich zu ihm. „Ich habe es hundertmal auf dem Bildschirm gelesen. Aber das hier … das ist etwas anderes. Es ist … wie wenn man einen Menschen zum ersten Mal in echt sieht.“

Finn senkte den Kopf. Seine Wangen glühten.

Ein paar Schritte weiter blieb eine Gruppe von Schülern stehen. Zwei Mädchen aus der Zehnten, ein Junge mit Brille. Sie lasen die Texte, tuschelten leise. Eine sagte: „Das ist echt gut. Wer hat das gemacht?“ Eine andere deutete auf das Schild in der Ecke: „F. A.“

„F. A.?“

„Finn Albrecht, oder?“

„Der aus dem Kunst-Leistungskurs?“

„Der mit dem Kowalski?“

„Ja.“

Finn hörte es. Er hörte jedes Wort. Sein Magen zog sich zusammen. Er wollte weglaufen. Er wollte sich in den Boden sinken lassen.

Aber Ben hielt seine Hand fest.

„Du bleibst“, flüsterte er.

„Ich weiß.“

„Ich bleibe auch.“

Die Mädchen wandten sich um. Eine von ihnen, mit langen roten Haaren, lächelte ihn zögernd an.

„Hey“, sagte sie. „Bist du F. A.?“

Finn holte Luft. Es war ein winziger Moment. Ein Atemzug. Er hätte lügen können. Er hätte den Kopf schütteln und gehen können.

„Ja“, sagte er.

„Der Comic ist wunderschön.“

„Danke.“

„Ich hab ihn im Netz gelesen. Ich hatte keine Ahnung, dass er von jemandem hier ist.“

„Ich auch nicht“, sagte Finn und lächelte schief. „Also, dass ihn jemand hier liest.“

Die Mädchen lachten. Der Junge mit der Brille sagte: „Wann kommt die nächste Seite?“

„Bald.“

„Ehrlich?“

„Versprochen.“

Es war nicht viel. Nur ein kurzes Gespräch in einer Eingangshalle. Aber als die Gruppe weiterzog, merkte Finn, dass seine Knie zitterten und dass er trotzdem aufrecht stand, und dass er zum ersten Mal in seinem Leben seinen eigenen Namen ausgesprochen hatte, ohne dabei etwas verstecken zu müssen.

* * *

Am späten Nachmittag fand die Preisverleihung statt.

Sie war ein Ritual, so alt wie das Fest selbst: Auf der großen Bühne, die vor dem Haupteingang aufgebaut war, zeichnete der Direktor Schüler für besondere Leistungen aus. Es gab Preise für Mathematik und Musik, für soziales Engagement und sportliche Erfolge. Die Zuschauer drängten sich auf dem Schulhof, mit Eis und Limonade in den Händen, und klatschten höflich bei jedem Namen.

„Und nun“, rief Herr Brandt ins Mikrofon, „der Preis für herausragende sportliche und menschliche Leistungen in der Mannschaft des Jahres. Die Jury hat einstimmig entschieden. Er geht an den Kapitän der Handballmannschaft, der seine Truppe nicht nur zum zweiten Platz in der Landesliga geführt hat …“

Jubel. Jemand pfiff.

„… sondern der auch gezeigt hat, was Mut bedeutet. Ben Kowalski!“

Der Schulhof explodierte vor Applaus.

Ben stand an der Seite der Bühne, bei Finn, und wurde plötzlich blass. Er hatte nichts davon gewusst. Samira, die hinter ihm stand, schubste ihn leicht von hinten.

„Geh schon, du Held.“

„Ich hab nichts vorbereitet.“

„Das ist dein Markenzeichen.“

Er stolperte die Stufen hinauf, nahm unter Applaus die Urkunde entgegen und trat ans Mikrofon. Hinter ihm saß die Mannschaft in Reihe, Jannik und Mehmet und die Zwillinge, alle in Dunkelgrün. Auch Tobi war darunter. Er saß ganz außen, die Arme verschränkt, den Blick auf den Boden gerichtet.

„Äh“, sagte Ben ins Mikrofon. „Hallo.“

Gelächter.

„Danke. Das ist … ich hab nicht damit gerechnet.“ Er räusperte sich. „Ich bin kein Redner. Ich bin eher so ein Typ, der Bälle wirft.“ Er hob die Urkunde. „Das hier ist für die Mannschaft. Für Mehmet und Jannik und Leon und alle anderen. Für Samira, die uns den Hintern rettet, seit sie vierzehn ist.“

Applaus, Pfiffe.

„Und für meine Eltern. Mein Vater ist der Trainer, und meine Mutter hat mich genau genug verstanden, dass ich es irgendwann selber tun konnte.“

Er stockte. Sein Blick suchte die Menge, glitt über Gesichter, Fahnen, Luftballons, und blieb schließlich an einer Stelle hängen, ganz hinten, neben der Bühne.

„Und für jemanden“, sagte er, „der mir vor einem Jahr noch nicht aufgefallen ist, und der jetzt der wichtigste Mensch in meinem Leben ist.“

Es wurde still.

„Er heißt Finn.“

Finn fühlte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.

„Er hat gestern Abend zu mir gesagt, ich müsse nicht auf der Bühne reden, wenn ich nicht will. Aber ich will.“ Ben holte Luft. „Weil ich vor einem Jahr noch geglaubt habe, dass man manche Dinge nur im Dunkeln sagen darf. Und er hat mir gezeigt, dass man das Licht anmachen kann. Und dass es einem dann nicht schlechter geht, sondern besser. Und dass es Menschen gibt, die einen dann sehen und bleiben.“

Er sah die Mannschaft an.

„Danke, dass ihr geblieben seid.“

Dann sah er auf den Schulhof.

„Ich bin schwul. Ich bin Kapitän. Und ich bin der glücklichste Mensch auf diesem Platz.“

Einen Moment lang war es still.

Dann klatschte jemand.

Es war Samira. Sie sprang auf, rief „YES!“ und klatschte so laut, dass es durch den Hof hallte. Mehmet stand auf. Jannik. Die Zwillinge. Dann die ganze Mannschaft, alle auf einmal, in dunkelgrünen Trikots, und mit ihnen der halbe Schulhof, Lehrer, Eltern, Kinder. Jemand pfiff durch die Finger. Lotte stand auf einem Stuhl und schrie etwas Unverständliches. Pia, die irgendwo in der Menge saß, brüllte „DAS IST MEIN BRUDER!“, obwohl es offensichtlich nicht um ihren Bruder ging.

Frau Dr. Ehlers stand am Rand, mit einem Taschentuch, und tupfte sich die Augen. Marek Kowalski und Ewa standen Arm in Arm in der ersten Reihe. Marek hatte die Hand an der Stirn, als würde er salutieren, und Ewa weinte offen und unverschämt.

Und ganz außen, auf der Bank der Mannschaft, stand ein Junge auf, der als Letzter aufgestanden war.

Tobias Raake.

Er klatschte nicht. Er stand nur da, mit leerem Gesicht, die Hände in den Hosentaschen, und sah Ben auf der Bühne an. Dann glitt sein Blick zu Finn, ganz hinten, bei der Bühne.

Für einen Moment trafen sich ihre Blicke.

Tobi nickte.

Nur einmal. Kaum sichtbar. Wie jemand, der einem anderen im Gedränge den Vortritt lässt.

Finn nickte zurück.

Mehr war nicht nötig.

* * *

Ben kam von der Bühne gestürmt, außer Atem, mit zitternden Beinen und einem Strahlen im Gesicht, das die ganze Welt beleuchtet hätte. Er rannte durch die Menge, vorbei an Gratulanten, die ihm auf die Schulter klopften, direkt auf Finn zu.

„Ich hab’s gesagt“, keuchte er. „Ich hab’s wirklich gesagt.“

„Hast du.“

„Vor allen.“

„Vor allen.“

„Ist das okay?“

Finn starrte ihn an. Tränen liefen ihm über die Wangen. Er lachte und schluchzte gleichzeitig, und dann tat er das, was er sich nie hätte vorstellen können: Er legte beide Hände an Bens Gesicht, zog ihn zu sich und küsste ihn.

Mitten auf dem Schulhof. Vor tausend Zeugen. Unter dem hellen Himmel von Warnholm.

Es war ein kurzer Kuss, aber niemand, der dabei war, vergaß ihn je.

Als sie sich lösten, brandete der Applaus erneut auf. Lotte johlte. Pia warf Konfetti, das sie irgendwo gefunden hatte. Die Möwen, aufgeschreckt, flogen kreischend davon.

„Ich liebe dich“, sagte Ben, ohne nachzudenken.

Finn erstarrte.

Sie hatten es noch nie gesagt. Nicht so. Nicht laut.

Und doch kam die Antwort aus ihm heraus, ganz selbstverständlich, wie ein Atemzug:

„Ich dich auch.“